Sonntag, 25. März 2012

Die Geschichte von Herrn B aus K

Die Nächte sind noch sehr kalt auf dem Land. Die Sterne mögen das. Wir werden zu Hühnern und gehen früh schlafen. Die Zeitumstellung kommt gerade recht. So ist es schon sieben, wenn es hell wird.
Und daheim schenkt uns die Küchenuhr nun keine Stunde mehr. Es eilt uns der Sommer entgegen. Es gibt viel zu tun, mehr zu überwinden: Hürden und Steine, die man sich selbst in den Weg gelegt hat. Am Ende jedoch sind wir alle unschuldig.
Wir steigen am Bahnhof aus und finden den Weg zum Haus wie streuende Katzen und ganz ohne zu fragen.

Herr T züchtet blaue Hennen, die keine blauen Eier legen, aber trotzdem viel wert sind. A. will jetzt Bauer werden, die Freiheit lockt ihn hier, sagt er.

Ein Herr B. stellt sich vor, 85 Jahre ist  er und mein Vater kennt seine Geschichte. Die musst du aufschreiben, sagt mein Vater zu mir. Und dann zu Herrn  B ohne irgendwelche Umschweife: "Erzählen sie meiner Tochter vom Krieg!"


Herr B. erzählt- wie alte Leute das tun- als sei es gestern gewesen. Er sächselt und hat wenig Zähne im Mund. Ich weiß nicht, was von beidem es schwerer macht, ihn zu verstehen. Außerdem hört er schwer. Das macht es für ihn schwer, uns zu verstehen. Aber es geht irgendwie.
Seine Geschichte beginnt mit:
Mit 17 wurde ich einberufen. Da musste ich gehen.  Bis nach Tschechien, um der Armee den Rücken frei zu halten. Und dann immer laufen, janz viel laufen, bis die Füße wund waren und schlimmer. Irgendwann wurde gefragt: "Wer ist hier Bauer?" Und ich hab mich jemeldet, denn ich war ja Bauer, stimmt ja. Und da wurde ich auf einmal auf ein Pferd gesetzt, obwohl ich noch nie im Leben geritten war und dann "hopp" wurde ich einfach in den Sattel gesetzt. "Steif sitzen und Beine ran!", wurde mir jesagt. Das wars. So war das.

Und dann wurde es janz schlimm und wir hatten nichts zu essen. Da dacht ich mir irjendwann. Jetzt jeh ich zu den Amrikaner in Jefangnschaft. Das ist doch sicherlisch schön. Da jibts sicherlisch, was zu essen. Für 30 Mann jab es ein Brot. So groß war es [und er zeigt, wie klein es war].
Und dann wollt ich wieder nach Hause hierher nach K., aber das war schwierig, denn die ließen nur die aus Bayern ziehen, die aus Sachsen durften nicht, weil die nicht zu den Russen sollten in Jefangnschaft.  Das wollten wir auch nicht, vor den hatten wir ja Angst. "Hilfe, die Russen kommen!", schrien wir, als sie kamen und alle auf die Pferde und ab nischts wie weg.
Die Amerikaner wollten nur unsere Uhren. Die waren alle ganz scharf auf deutsche Uhren. Der eine, der hatte den ganzen Arm voll..feine Herrn warn das. Sone Stiefel- bis zu de Knie- und Goldknöpfe.
Ich hatte keine Armbanduhr, ne Taschenuhr hatte ich und die habe ich versteckt unter der Socke, unter der Zunge meines Schuhs. Die haben se nicht bekomm.
Und dann wollt ich aber dringend nach Hause, ich wurde ja hier gebraucht. Einer half mir, der schrieb auf englisch einen Brief, dass meine Eltern jetzt nach Bayern ziehen. "Das haben aber nicht ihre Eltern geschrieben!", sagte der amerikanische Beamte. "Nein, nein, das war der Neffe meiner Eltern!", sagte ich ihm. Er war nicht überzeugt. Da sagte ich ihm: "Wir wolln doch nicht unter den ollen Russen leben!". Das hat ihm gefallen. Er lachte und ließ mich gehen.
Dann habe ich mich irjendwie nach Hause durchgeschlagen. Und kam doch tatsächlich kurz in russische Gefangenschaft, sollte eine Fabrik auseinanderbauen, ohne Gerätschaften, nur mit den Händen. Als niemand hinschaute, bin ich abgehauen. Und bei jedem Wachposten warten bis er den Rücken zudreht und dann 1,2, hopp hinter die nächsten Büsche, verschnauben und dann weiter.

Mensch, war das schön, als ich wieder zu Hause war, hier in K. Und das hier, sagt er, da war ich oft als junger Mann im Tanzsaal, dabei konnte ich doch gar nicht tanzen.

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