Samstag, 31. Dezember 2011

Der schöne Junge

Der Junge hatte etwas an sich, etwas in der Art wie er sie ansah, fordernd und doch demütig. Beides gutes versteckt in dem Glitzern seiner schönen Augen und durch seinen sinnlichen, frech lächelnden Mund zusätzlich abgelenkt. Und dennoch unübersehbar für sie. Es gibt nicht offensichtlicheres als das fast versteckte, dachte sie.
Er war schön und wusste, dass er schön war. Das war es aber nicht, was sie an ihm reizte, was ihr den Wunsch weckte, ihn an den Haaren zu ziehen, ihn niederzudrücken, ihn leiden zu sehen. Seine Schönheit machte sie nicht wild, sie gönnte sie ihm, bewunderte sie sogar ein wenig. Es war auch nicht seine Jugend, die sie an ihre eigene erinnerten der Gedanken der Möglichkeit, etwas davon abzubekommen. Nein, es war sein Blick selbst, der sie dazu reizte, sie ständig dazu aufforderte. Und er machte ihr Angst. Weil er die Macht hatte, solch fremde Wünsche in ihr zu wecken. Und sie war sich der Widersprüchlichkeit nur auf eine konfuse Weise bewusst. Wie sollte jemand zur Dominanz gezwungen werden können? Ihr wuchs das alles über ihren Kopf. Nichts war so wie es den Anschein hatte und alles war anders als es schien. Je genauer man hinschaute, um so öfter drehten sich die Dinge, entzogen sich dem Verständnis wie glitschige Fische, glitten einem zwischen den Fingern davon. Sie musste es aufgeben, dem was sie fühlte einen Namen geben zu wollen. Warum sie ihn zwingen wollte, und ob man es überhaupt Zwang nennen konnte, wenn er es selbst verlangte? Solche Fragen würden zu nichts führen, denn sie schlugen einen endlosen Kreis. Für manche Sachen gibt es nur ein Ausprobieren, ein Fühlen und ein Vertrauen. Und so kam sie seiner stummen Aufforderung nach. 

Geschenktes Mädchen

Sie hasste Geheimnisse ebenso wie ungeöffnete Geschenke. Sie konnte beides nicht ertragen, wollte ihr Geschenk immer sofort öffnen und das für den anderen, sofort öffnen lassen. Auch um ihr eigenes Inneres sollte keine Verpackung sein. Sie wollte sich teilen, der Welt mitteilen, bis nichts mehr von ihr übrig war, bis sie endlich Teil des Stromes geworden war.
Dieser Wunsch hatte nichts mit Aufopferung zu tun, sie empfand sich nicht als Opfer. Im Gegenteil: Die Welt war das Opfer, das sie aufnehmen sollte, wenn sie denn gnädig war. Wenn nicht, dann wüsste sie nicht wohin mit ihr selbst. In ihr war es zu eng. Sie hielt sich nie lange aus.

Nur ein gebrochenes Herz ist ein ganzes Herz










foto: mia wasikowsak,eine sowohl von natur aus wunderschöne als auch talentierte schauspielerin. 

Für das neue Jahr ein paar alte Weisheiten:
Das Leben ist nicht da, um einfach zu sein. Wir sagen: Nur ein gebrochenes Herz ist ein ganzes Herz*
Wenn du singst, sagte sie: Dann achte darauf, dass deine Kraft aus dem Bauch kommt. Dort ist deine Mitte. Mit deinen Füßen stehe fest auf dem Boden. Und über der Stirn, dort ziehst du die Energie ein, die von oben kommt. Und die Schultern! Die Schultern lass unten! Sonst machst du deine Stimme klein. Leg deine Hände einmal hinten über den Hintern- Schultern bleiben unten- bis dahin ist dein Resonanzraum. Schau wie weit du bist. Wir sagen, wenn Gott einatmet, atmen wir aus und wenn wir ausatmen, atmet Gott ein*. Wenn du singst, dann ist da so ein Licht um dich herum. Wenn du singst, dann bist du viel mehr als du selbst. Du bist nur das Gefäß, so atme und vertraue. Atme ein! Atme aus! Ja Ja Ja Atme! Und lass deine Schultern unten!!

*jüdische Weisheit

Freitag, 30. Dezember 2011

Am Ende des Jahre: Blogzitate. Kein Rückblick

Es ist Zeit [kurz mal] inne zuhalten. Auszuatmen. Sich anzuschauen, was entstanden ist. Ich fühle mich gerade ein wenig so, als würde ich die Zeit anhalten wollen. Nicht das neue Jahr lockt mich, sondern im Gegenteil: ich stemme mich dagegen. Gibt mir noch mehr Zeit im alten Jahr. Ich habe es gar nicht so zu schätzen gewusst. Und wie immer, jetzt wo es fast vorbei ist, erkenne ich, dass ich es doch irgendwie festhalten möchte. Vielleicht zeigt dieses kribblige Gefühl auch die Absurdität des Vorhabens auf. Ein Jahr ist halt doch nichts konkretes.
Das Gefühl erinnert mich ein wenig an das aus meiner Kindheit, wenn ich bei einer Freundin war, die Polly Pocket und Barbie-Welten hatte, während ich nur [in den Augen meiner Mutter] pädagogisch sinnvolles Spielzeug besaß. Diese ganzen bunten Plastiksachen, deren Reiz- aus meinen Mädchenaugen heraus betrachtet- unleugbar war. Die Vielfalt an Möglichkeiten, der Aufstellung, des Umziehens, der zu erfindenden Geschichten, war überwältigend. Immer aber auch, war in mir Frust, weil man mit ihnen nicht das machen konnte, was ich meinte, dass sie versprachen. 
Und jetzt versuche ich in Jahren zu denken. Jedes Jahr als ein Blatt Papier.
Ich wünsche euch- allen Lesern und Schreibern einen [guten] Rosh Hashana.
Und nun aber zu meiner persönliche Auswahl an Zitaten. Das möchte ich öfter machen. Eines meiner alten und neuen Vorsätze ist es, die Dinge intensiver zu betrachten. Genauer zu lesen. Genauer zu schauen. Genauer zu hören. Genauer zu verstehen.


Wir vertauschen die Farben mit den Anforderungen, das Verstehen mit dem Gelesen werden. Wir schreiben wir, weil uns vor uns selbst graut. Indem wir die Buchstaben vertauschen, glauben wir dem Sinn zu entkommen.Die Weberin
Wunde[r].Wir vermeiden die Zeit, versorgen die Vergangenheit. Pflegen die Wunden der Zukunft.Von der Wunde zum Wunder ist es ja nur ein Buchstabensprung. Die Weberin
Doch dir fiel gar nichts auf, du fandest mich nicht unnatürlich. Und das war es auch, was ich wollte: Dass niemandem auffiel, wie ich war. Wie unnatürlich und schiefgestellt meine Seele stand. Wie kalt und mit gelegentlicher Blutrünstigkeit ich eine Hähnchenkeule essen konnte. Sherry [Wo ist dein "Lass uns schwingen" hin?]
Ich möchte sagen, erzählt mir nicht diesen Mist, erzählt mir, wie es wirklich in euch aussieht, erzählt mir von euren Beweggründen, von dem, was euch zum Weinen und zum Lachen bringt, von dem Schönen und dem Abscheulichen in euch, es wird mich nicht dazu veranlassen, euch zu verabscheuen Grauistbunt
Wir scheinen zur Spiritualität verdammt. Mary am Meer zu Grauistbunt
Das bewundern die Leute, wenn sich einer nicht aus der Ruhe bringen lässt. Wie er überhaupt hinein gekommen ist, in diese Ruhe, danach fragt niemand.  Muetzenfalterin
Und weil ich das Gefühl habe, dass ich, seit ich täglich knipse und ein Motiv suche, viel aufmerksamer durch die Welt stolpere, mag ich das auch weiterhin tun. Katja
Also verdoppel ich bei Word den Zeilenabstand und stelle mir vor, dass das, was ich eigentlich zu sagen habe, zwischen den gefüllten Wortzeilen steht. Die weiße Leere wird bedeckt mit Unausgesprochenem. Flimmersee
der Mann einer anderen/ wird langsam vom Krebs gefressen/ die Todesfälle häufen sich/ und ich fühle,/ dass die Lebenszeit nicht zählt,/ wenn das Gefäß brüchig ist  Bonanzamargot
Ich will, dass niemand sonst sie anfasst, außer mir; dass niemand sie berührt, sie soll von niemandem berührt werden, ja, niemals berührt worden sein! Ich will sie ergründen, ohne jemals auf Grund zu stoßen; will sie verführen, von ihr verführt werden. Ich will, dass es sie schert, was ich treibe; dass sie mir eine Bedeutung zuweist in ihrem Leben, ein Gewicht. Ein Gesicht!Queen of Maybe
Wenn alles Spiel wäre, wären wir dann verloren und wenn nicht, vielleicht erst recht? Es ist auf alle Fälle ein aufregendes Gedankenexperiment und zur Vertiefung für bereits Spielsüchtige oder zum Kennenlernen für Neulinge hier meine Empfehlung das Online Spiel TwinKomplex. Dieses kostenlose Onlinespiel* wurde in den Hallen des stillgelegten Flughafens Berlin - Tempelhof mit bekannten Schauspielern gedreht. Die Spieler müssen Vermisste in Berlin suchen. Kontraproduktiv
Wenn ich groß bin, werde ich zwei Kinder haben, einen Jungen und ein Mädchen. Die nenne ich dann Hänsel und Gretel. Ich finde Hänsel und Gretel sind ganz tolle Namen für Geschwister, findest du nicht?  Mika, mein kleiner Neffe

*Das Spiel habe ich mir noch nicht angeschaut. Anscheinend habe ich ein wenig Angst davor. Wohne ja sehr dicht am Tempelhofer Flughafen und habe deshalb vielleicht noch mehr Angst von der virtuellen Verwirrung.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Bridget Jone´s Diary














Ich weiß nicht, ob [im allgemeinen] Männer die Fähigkeit besitzen, sich so ein Film anzuschauen. Aber um aus einer kleinen Verstimmung heraus zu kommen, wirkt er- jedenfalls bei mir- Wunder. Das hat auch gar nicht so viel damit zu tun, dass ich Colin Firth unglaublich sexy finde, sondern der ganze Film ist einfach eine wunderbare Mischung aus Komödie, Kitsch und Romantik.
Es ist der einzige Film, den ich mir freiwillig mehr als einmal angeschaut habe. Es ist der einzige, den ich so oft geschaut habe, dass ich es nicht zählen konnte. Es war eine gute Idee ihn heute Abend zu schauen.
Und es wird endlich Zeit für eine Nominierung:
Bester Film* aller Zeiten [Englisch]
Bester Film* aller Zeiten [Deutsch]
*aus dem Unterhaltungsgenre. 
Achtung: Folgende links sollen nicht zum illegalen Filme anschauen anstiften. Deshalb gehe ich selbstverständlich davon aus, dass sich jeder bei Gefallen die DVD dazu kauft! Sonst hängt am Ende die Filmbranche am Hungertuch und das wollen wir sicher alle nicht! 

schrei es heraus [oder auch nicht]

schrei es heraus. so wie das mädchen da. schreit sie aus angst, lust am schreien oder als mimesis des kamels?
nach längerem hinschauen vermute ich ersteres. trotzdem ist es putzig und ich schaue es gerne an. bin ich jetzt grausam? ich wäre heute gerne grausam. dann würde ich mich vielleicht nicht so einsam fühlen. und warum ich das gerade wieder tue, nachdem ich so vollgepumpt war mit zuversicht wie ein bodybilder mit anabolika, weiß ich nicht genau. als wäre meine wasserhahngeschichte die wettervorschau gewesen, nur dass ich das nicht erkannt hatte. oder war es die erinnerung an j, die mich traurig machte?

das passt mir gar nicht, der geruch von liebe und leidenschaft lag schon so intensiv in der luft, war fast zum greifen nahe, dass mir das wasser im mund zusammenlief und mein herzen sprünge machte. meine schwester meinte einmal als sie mehrmals versuchte ein akzeptables foto von mir zu machen: du schaust immer sehr schön, und genau, wenn ich dann den auslöser drücke, dann verziehst du das gesicht. so ist es auch mir meinem optimismus. es soll jetzt eine kamera geben, die schon fotografiert, bevor man auf den knopf drückt.

ich fahre mit der bahn zurück und die sonne erdreistet sich tatsächlich, die hässliche umgebung in ihr goldenes licht zu tauchen. sogar scheiße würde so beleuchtet schön aussehen.

[ ich werde jetzt "bridget jones´s diary" sehen. bridget jones bringt mich tatsächlich jedesmal zum lachen.]


Für J.















Ich kannte mal einen, der lebte in der Vergangenheit, den zerriss die Sehnsucht nach einer vergebenen Frau. Er fuhr gerne mit dem Zug die altbekannten Strecken entlang und versuchte sich verzweifelt vorzustellen wie der Zug ihn zurückbringen würde, zurück zu seiner Geliebten. Als er endlich einsah, dass das nicht ging, schrieb er verflucht gute Stücke, in denen der Zug mit voller Wucht gegen die Wand fahren musste. Er konnte ihm einfach nicht verzeihen, dass er nur nach vorne fuhr.

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Unter dem Eis















Warum so eine düstere Geschichte, lässt sich tatsächlich nur mit dem Littel erklären, dessen "Die Wohlgesinnten" ich gerade lese und das bei mir aus verschiedenen Gründen ziemlich ambivalente Gefühle auslöst. Sicher, werde ich noch darauf zurückkommen, da ich an der Uni ein Referat über das Buch halten werde. Ansonsten geht es mir aber selbst gar nicht wie in der Geschichte. 

Sie schaute den Tropfen zu, die träge aus dem Wasserhahn plumpsten, als gäbe es kein Morgen. Als hätte es kein Gestern gegeben und überhaupt nie etwas dazwischen. Ihr Hintern tat weh, solange hatte sie schon dagesessen. Dort in der Küche, deren Uhr immer noch auf Sommerzeit gestellt war. In der Spüle stapelten sich die dreckigen Teller, auf die die Wassertropfen fielen und dann sowohl langsam als auch mit einer verschwommenen Hektik an ihnen herunterrannen, dabei immer ein wenig mehr von ihrer Wässrigkeit verlierend, bis sie sich so sehr verloren hatten, dass nichts mehr als der leere Tropfen übrig blieb.
Fast erwartete sie, dass die Teller davon sauber würden. Wenn die Tropfen nur lange genug auf dem dreckigen Geschirr vergingen.
Aber eigentlich war ihr das egal. Es hatte wie alles andere auch, an Bedeutung verloren, seit sie...eigentlich wusste sie nicht mehr seit wann, denn es war so schleichend gekommen, dass sie die Spur nicht mehr zurückverfolgen konnte.
Eventuell hatte es irgendetwas mit den fiktiven Aufzeichnungen eines legitimierten Massenmörders zu tun, der kühn behauptet hatte als er das erste Mal ein Massengrab stand: "...dieser Gestank, das wusste ich, war der Anfang und das Ende von allem, der wahre Sinn unserer Existenz."
Sie hatte ihm geglaubt. Musste ihm glauben, da sie so etwas ähnliches [wenn auch nur ganz vage] schon gedacht hatte und das ohne jemals eine einzige angemoderte Leiche gerochen zu haben. Ihr hatten die Menschen in der Bahn gereicht, die sich nicht wuschen. Damals hatte sie den Verdacht gehabt, dass sie dreist gelogen hatte, als sie behauptete Menschen gut riechen zu können. In Wirklichkeit konnte sie sie nur ertragen, wenn sie sich täglich mit Shampoo und Seife übergossen und dann das Deo nicht vergaßen. Wir stinken, hatte sie damals gedacht, auf unseren Tod zu.

Sie wusste, dass sie dem Buch nicht die Schuld geben konnte. Das wäre nicht gerecht. Denn das Buch konnte nicht wissen, wie heftig sie diese Worte treffen würden. So heftig, dass sie nun schon wieder abstritt, dass sie irgendetwas mit dem Starren auf einen tropfenden Wasserhahn zu tun haben konnten. Nein- sie wusste nicht mehr seit wann sie hier saß; wie oft die Uhr schon die Zeit eine Stunde zu früh angezeigt hatte. Ihr ganzes Leben konnte an ihr vorübergezogen sein, ohne dass sie es bemerkt hätte. Uhren sind eh die vagesten Messgeräte, wenn es an die eigene Lebenszeit kommt.

Plötzlich hatte sie eine Idee.  Sie stand auf, rieb sich den Hintern und ging zum Gefrierfach, das seit einiger Zeit- sie hatte nicht vermerkt, seit wann- so zugeeist war, dass nur noch- und das auch nur gerade so- ein Finger hineingepasst hätte. Die Klappe war nämlich kaputt.

Sie nahm ein großes Messer aus der Schublade- wenigstens etwas, das dort lag, wo man es erwarten konnte- und kratzte zaghaft am Eis herum. Es knirschte ebenso zaghaft und ein paar Eishobel wehten nach unten.  Die Langsamkeit des [Zer]Falls, die sie bei den Tropfen geduldig ertragen hatte, konnte sie beim Eis nicht mehr dulden. Bestimmt setzte sie das Messer zwischen das weiße Plastik des Gefrierfach und dem Weiß des Eises an und stach mit aller Kraft zu. Es ächzte und bald gab es nach und ein großer Brocken Eis fiel ihr auf den Fuß. Sie biss sich auf die Lippen, hob ihn auf und trug ihn schnell zur Spüle, wo sie ihn ins Waschbecken schmiss. Schon war sie wieder am Eis zugange, das ihr nun offiziell den Krieg erklärt hatte. Das Messer konnte einfach nicht genug bekommen. Ab und zu, musste sie es weglegen.
Dann sammelte sie die kleineren Stücke zusammen und genoss den Schmerz, der ihr durch die Finger fuhr, als sie sie in der Hand schmelzen ließ.
Mittlerweile hatte sich ein kleiner Eisberg in ihrem Waschbecken angesammelt. Das Geschirr ging vollständig unter ihm unter.
Irgendwann war das Eisfach leer. Es war gar nicht leicht, es so nackt zu betrachten. Es schien falsch zu sein. Sie schloss es mit einem Seufzer, den sie selbst nicht hörte und setzte sich wieder auf den Holzstuhl. Die Tropfen tropften weiter, nun aber trafen sie auf ihresgleichen in fremdem Aggregatzustand. Jeder einzelne Tropfen grub ein kleines Loch in das Eis.
Sie konnte nicht lange zuschauen. Sie drehte den kalten Hahn auf und beobachtete gierig den Strahl, wie er das Eis wegschmolz. Aber etwas in ihr hielt auch das nicht lange aus. Sie hatte es mit einem mal sehr eilig und drehte den Heißwasserhahn auf.

Plötzlich ging es fast zu schnell. Das Eis löste sich mit einer Geschwindigkeit auf, die sie an seiner bloßen Existenz zweifeln ließ. Es verdampfte vor ihren Augen. Sie begann zu weinen und erschrak über die Salzigkeit ihrer Tränen und über die sauberen Teller. Die Uhr zeigte 15:32. Es war Montag und als sie aus dem Fenster schaute, sah sie, dass es wohl irgendwann geregnet haben musste und nun die Sonne schien. Und mit einem mal bildete sie sich ein, zwei Regenbögen zu sehen. Das war lächerlich und sie musste wieder Willen grinsen.

Abenteuer: 28.12.2011















Es bleiben noch ein paar Tage von diesem Jahr. Ich habe sie nicht gezählt. Aber so aufgeschrieben bekommen sie doch eine gewisse Wichtigkeit. Heute gehe ich in die Uni und organisiere mein akademisches Leben, werde Listen machen, einen Ordner anlegen und Pläne. Alles also, gegen das ich mich gesträubt habe, wie eine Wildkatze gegen den Käfig.

Es ist vielleicht nicht die aufregendste Art, die letzten Tage zu verbringen, aber ich werde Ausschau halten nach Abenteuer, werde achtsam sein. Werde Lächeln verschenken. Es ist Zeit wieder herauszugehen, raus von hier, heraus aus mir. Und ich vermisse eine besonders. Vermisse sie zwischen all den anderen, die ich mag, besonders, über das übliche hinaus. Darauf hatte ich gewartet. Eine Person, die mich über das Zusammentreffen hinaus beschäftigt. Jemanden, den ich anrufe, obwohl ich telefonieren hasse. Und jemanden, der sich mir so offen und warm verhält, dass ich alle Bedenken über Bord werfen kann, einem Fluch verfallen zu sein, Begeisterung immer nur als Einbahnstraße erfahren zu können. Auf dieses gegenseitige Vermissen habe ich also gewartet. Und es ist schön, es nun endlich zu erfahren.


Was für Abenteuer habt ihr heute geplant?

[Meine alten Freunde und meine Familie mögen es mir nachsehen, es bitte nicht persönlich nehmen. Das sind zwei verschiedene Sachen. Die Abenteuerin in mir spricht hier. Aber auch sie weiß, wo ihr zu Hause ist und das Begeisterung kein ausschließliches Kriterium ist. O.T.: Verdammt nochmal, warum meine ich mich immer erklären zu müssen?]

Dienstag, 27. Dezember 2011

Be Mine - Ellie Goulding ft Erik Hassle



Ich weiß nicht, ob ich euch mit ihr quäle, aber ich mag ihre Stimme gern.

2012 Das letzte Jahr.















2012 geht die Welt unter, glauben meine Kinder, die trotz ihrer kritischen Mutter solchen Prophezeiungen allzu schnell glauben schenken. Und ich beruhige sie und kläre sie immer wieder auf: Man darf nicht alles glauben, was Leute schreiben oder behaupten, nur weil es überzeugend klingt. Das meiste sogar, darf man nicht glauben, weil die meisten Menschen selbst nicht wissen, was sie da sagen.

Aber versprechen kann ich ihnen nichts. Es ist gut möglich, dass uns 2012 die Welt um die Ohren fliegt. Aufgeladen genug ist sie. Aber warum nun ausgerechnet 2012? Liegt wahrscheinlich an der hübschen Zahlenkombination. Der nächste Termin wäre dann wahrscheinlich 2022, da geht sie dann noch sicherer unter und wenn sie sich dann entgegen aller Erwartungen noch halten sollte, spätestens 2222. Da muss sie dann aber, ob sie will oder nicht. Als würde sich die Welt nach dem Gregorianischen Sonnenkalender richten.

Aber nehmen wir einmal an, es würde stimmen. 2012 wäre unser aller letztes Jahr. Was würdet ihr anders machen? Oder würdet ihr gar nichts ändern und jeden Tag so intensiv wie möglich genießen?
Ich würde gerne die Gabe haben, so zu tun als ob, mich so richtig in diesen Gedanken hineinsteigern. Ziemlich sicher, dass ich vieles tun würde, was ich mir bis jetzt teils aus Feigheit, teils aus Zeitgründen, aufgehoben habe.

Und wie schon erwähnt, wünsche ich mir, ich könnte sie sehen, die Jahresenden und deren Anfänge. Dazu müsste  ich vergessen, dass sie von irgendwelchen Menschen konstruiert wurden und nicht
in der Natur liegen. Ich tue mich damit aber schwer. Und für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, es sein zu lassen, mit dem versuchen. Lieber stelle ich mir vor, dass wir noch zwölf letzte Monate zu leben haben. Ich glaube, dass Ende dieser Welt, das müsste ich auch erkennen können. Mal sehen. 

Montag, 26. Dezember 2011

Übers Sterben- Nein -Leben!


Wenn ich sterbe, dann möchte ich nicht bereuen. Ich möchte sterben mit einem Lächeln auf den Lippen: Alles ist genauso gewesen wie es sein musste.
Der Tag an dem meine Existenz zu Ende geht, soll nicht dem "Ach hätte ich doch!" verschwendet sein, noch dem "Wenn ich doch nur!". Nein! Alles, was wir im Nachhinein bereuen, nicht getan oder getan zu haben, ist unsinnig, wenn es am Ende unseres Lebens geschieht. Da bleibt nur noch das Abfinden mit dem was war, wenn wir mit so etwas wie Frieden gehen wollen.

Wachsam bin ich [fast] jeden Tag, weil ich um die Endlichkeit meines Lebens weiß. Und ohne den Zeitdruck im Nacken, den ich damals spürte als ich auf der Jagd nach einer Wahrheit war, spitzen sich meine Sinne: Sei wachsam!

Das ist der Weg. Schlafe im Schlaf. Und sei wachsam bei Tag. Halte mehr als deine Augen offen!
Du hast jeden Tag die Möglichkeit zu leben. Es ist alles eine Frage des Bewusstseins. Und da ich mir meiner potenziellen Reue bewusst geworden bin, ist es nun meine Aufgabe meinen Wünschen Raum zu geben, sie JETZT ernst zu nehmen. Mit einem mal geht das nicht-jedenfalls nicht bei mir. Ich muss dazu Geduld mitbringen. Geduld, die ich erstaunlicherweise bereit bin aufzubringen, da ich erkannt habe, dass es einem Wunder gleicht, wenn wir etwas gegen uralte Ängste tun können, wenn wir nicht völlig machtlos gegen unser Unbewusstes sind.

Je mehr ich mir dessen bewusst bin, um so hungriger werde ich nach leben, nach fühlen, nach berühren, nach berührt werden. Und ich erkenne einen ähnlichen Hunger in den Augen älterer Männer wieder, die einen gierig anschauen, weil sie nun auch die Uhr ticken hören.
Zwei Freundinnen haben mit diesem Phänomen ein Problem, weil sie Angst haben, dass nur ältere Männer sie attraktiv finden könnten. Aber ich sage ihnen: Nein- sie trauen sich nur. Die jüngeren sind unsicher, ihnen wurden ihre Instinkte zu gründlich abtrainiert. Es ist ein gutes Zeiten, wenn ältere Männer dich so anschauen. Das heißt, dass du schön bist und jung, das wollen wir nicht vergessen.

Und meine Mutter sagt immer: "Jeder hat die Beziehung, die er fähig ist zu führen!", wenn sich jemand über das Single- Dasein beschwert. Sie sagt es und klebt es wie ein Pflaster über die Wunde. Ich möchte es abreißen. Jedesmal. Soll das heißen, ich bin unfähig eine Beziehung zu führen? Dass ich mir selbst immer noch so fern bin, da der Partner ja der Spiegel in dem Spiel sein soll? Nein!- keine Pflaster, schwöre ich mir. Und ich werde ungeduldig, habe keine Lust mehr auf einen Punkt in der Zukunft zu warten, bis ich angeblich bereit bin, so als wäre ein Partner das Paradies. Dazu sieht es doch all zu oft nach Hölle aus. Nein, nein! Soll er mir doch gestohlen bleiben! Und dann wieder: Nein! So meinte ich es nicht. Natürlich wünsche ich mir auch jemanden mit dem ich durch dieses Abenteuer, das wir Leben nennen, gehen kann, mit dem ich Erfahrungen teilen kann, dem ich die Macht geben möchte, mich zu berühren.

Aber warten. Nein diese Idee mag ich nicht. Das ist ja genau das, was man dann am Ende des Lebens bereut, dass man sein Leben mit warten verbrachte. Und ich werde auch keine faulen Kompromisse eingehen, denn ich glaube kaum, dass man am Ende bereut, sie nicht eingegangen zu sein, sondern immer anders herum.

Was also bleibt einem, wenn man meint, einem fehlt etwas elementares im Leben zum Glück?
Ich glaube es ist eine Mischung aus: Viel Vertrauen. Und fast genauso viel Wachsamkeit. Und ab und zu mal kräftig mit dem Fuß aufstampfen. Vor allem aber, sich das Schöne anzuschauen, das uns umgibt, das schätzen zu lernen, was man hat. Und- ach ja- träumen nicht vergessen. Sich vorstellen, wie man es will, was man eigentlich will. Und dann wieder: Wachsamkeit [Im Sinne von Bewusstsein und nicht im Sinne auf der Lauer liegen.]

Leben heißt sich kennen zulernen, sich und die Welt. Wir müssen Abenteurer sein, damit wir nicht [so viel] bereuen müssen, wenn wir sterben, damit wir unser Leben leben. 

Samstag, 24. Dezember 2011

Keine Weihnachtswünsche



















Ich werde euch keine fröhliche Weihnachten wünschen. Weil der Satz zu phrasenhaft ist- sogar O2 wünschte mir fröhliche Weihnachten per Sms!- und ich versuche euch so gut es geht mit Phrasen aller Art zu verschonen.

Es ist das zweite Mal, dass ich dieses Fest feiere, ganz zart und auch ein wenig unbeholfen. Es wird sozusagen erst bei uns eingeführt. Und das macht es natürlich spannend, lässt gar keinen Raum für Überdruss. 

Ich habe Tannenzweige gekauft und schöne Kugeln von Karstadt. Das erste Mal, bin ich nach 15 Minuten überlegen wieder gegangen, ohne etwas zu kaufen. Dann, gestern, bin ich noch einmal hin und habe welche gekauft. Und Kerzen. Und Kekse, selbstgebacken.
Zu Feier des Tages räume ich auf und nachher zünden wir Kerzen an. Und ein Menu werde ich kochen [auch wenn ich erfahren habe, dass man an Heilig Abend nach Tradition Würstchen und Kartoffelsalat isst. Nun ja, wir machen es ein wenig anders. Und Kartoffelsalat&Würstchen scheint mir doch eher eine ziemlich öde Tradition].
Und Geschenke habe ich gekauft, auch gestern im Trubel der vorweihnachtlichen in letzter Minute Einkäufer. Bei mir hat das ganz pragmatische Gründe: Ich kann nicht gut warten, wenn ich ein Geschenk habe, das quält mich regelrecht, am liebsten würde ich es schon an der Haustür verschenken. 

Ein Geständnis habe ich noch, bevor ich weiter mache mit weihnachtlichen Vorbereitungen: Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich mir zu Weihnachten immer gewünscht, es möge nicht schneien, weil ich nicht wollte, dass sich die Christen (also das, wofür ich die deutsche Mehrheitsgesellschaft hielt) durch weiße Weihnachten in ihrem Glauben bestätigt fühlten. 
Falls ihr also jemanden verantwortlich machen wollt, dann wisst ihr jetzt, wer Schuld ist, dass wir so ein Mistwetter haben: Es tut mir wirklich sehr leid!

Freitag, 23. Dezember 2011

Bittermandel: Der freie Mensch

Bittermandel: Der freie Mensch: "Man muss flackern. Der freie Mensch gleicht einer defekten Lampe. Subjektiv - Objektiv. Anpassung - Widerstand. An - Aus."

Einen Weg zweimal laufen

Schönhauser Allee. Prenzlauer Berg. Einmal mit der Ring-Bahn von Tempelhof aus fast einen halben Kreis gefahren, reicht eigentlich aus, um in tiefe Melancholie zu stürzen. Plattenbauten, Industrie, Ruinen und viel Müll, die Büros nicht zu vergessen, die sich dicht an dicht, wandlos, übereinander, nebeneinander stapeln, mit Sicht über die heruntergekommene, vermüllte Stadt und mit gläserne Sicht in den Büromenschen, der dort sitzt. Es ist egal, wer er ist und er weiß es. So austauschbar wie der Raum, in dem er sich befindet als die Bahn an ihm vorbeifährt. Sie schaut genauer, ob sie irgendwo Netze entdecken konnte, um diejenigen aufzufangen, die sich vom Dach stürzen wollen, aber da waren keine. Wahrscheinlich ist das Dach nicht begehbar und aus dem Fenster hinunter, das traut man sich dann doch nicht.

"Kann jemand es schaffen, hier glücklich zu sein?", denkt sie als sie an einem besonders hässlichen Hochhaus vorbeifährt. Vielleicht könnte man, wenn man sich einbildet, es wäre eine Kulisse, die jeden Augenblick umfallen und die echten Häuser dahinter freigeben würde. Vielleicht aber gelingt es einigen tatsächlich hier glücklich zu sein und es ist nur ihr eigenes Vorurteil, das sie davon abhält, das Glück der Bewohner zu verstehen. Und sie stellt sich vor, während die Bahn weiter durch die triste Gefilde fährt, wie sie aussteigt und an den Türen klingelt: "Entschuldigen Sie die Störung, ich würde gerne wissen, ob es möglich ist, hier glücklich zu sein?"

Ein kleines Mädchen steigt ein, sie kann es nicht sehen, aber es hört sich an wie vier Jahre höchstens:
"Papa Jonas, was machen die Männer da auf dem Dach?"
"Die schweißen das Dach, damit kein Regen durchkommt."
"Ach. Und verdienen die auch viel Geld?"
"Nein, die verdienen nicht viel Geld."
"Hmm. Papa Jonas? Wer verdient denn viel Geld? Verdienen Ärzte viel Geld?"
"Öhm. Nun ja, nicht mehr so wie früher. Jetzt nach der Gesundheitsreform..."
"Aber verdient meine Ärztin viel Geld?"
"Nein, verdient sie nicht."
"Verdienen die mit Uni viel Geld?"
"Mit Uni?"
"Ja, die mit Uni, die immer sowas anhaben."
 "Ach, du meinst: Uniform. Nein, auch die verdienen nicht viel Geld. Man verdient nicht viel Geld, weil man eine Uniform anhat."
"Und Papa Hans? Verdient der viel Geld?"
"Jaa-a! Der verdient viel Geld [stolzes oder missgünstiges Zittern in der Stimme]!"
"Und Mama Mia? Verdient die viel Geld?"
"Nein[mit sowas wie Entrüstung]! Die verdient kaum etwas. Obwohl ihre Arbeit auch wichtig ist. Obwohl ihre Arbeit sehr wichtig ist. Aber die bekommt nicht viel."
"Papa Jonas...", hub das kleine Mädchen, das wohl gerade das Phänomen Geld entdeckt hatte, weiter an, aber sie musste aussteigen:
Schönhauser Alle. Eine groteske Mischung aus von Kick-eingekleideten Menschen und absoluten Individualisten, aufgemischt durch ein paar Penner. Einer fährt schon von weitem stinkend, unbeholfen auf dem Fahrrad an ihr vorbei. Er schaut sie an, ein wenig als hätte er das Fahrrad geklaut und würde nun prüfen, ob sie gleich aufschreien würde: Das ist meines! Und ein wenig voll Sehnsucht, weil sie warme Augen hat, weil er für sie nicht unsichtbar ist, so als hätte sie noch die seltene Fähigkeit, seine Existenz zu bezeugen. Schon ist er an ihr vorbei.

Auch die Individualisten, die paradoxerweise alle gleich individualistisch aussehen, schauen sie an. In ihren Blicken liegt Neugier und etwas wie Anerkennung. Sie kann es nicht einordnen. Aber es sind schöne Frauen darunter, die sie anschauen, als wollten sie sich etwas von ihr abschauen. Ohne zu verstehen, um was es hier genau geht, lächelt sie gütig. So im Vorübergehen ist es leicht, die Menschen zu lieben.

Sie ist diesen Weg schon einmal gegangen. Dann muss er doch richtig sein? Sie schaut noch einmal auf dem Plan einer Bushaltestelle nach, doch es muss richtig sein. Sie kennt diese Straße: Lauter Läden mit velveten, bunten Kapuzenkleidern und Räucherstäbchen. Sie lächelt, weil sie die einmal so schön gefunden hatte. Ein schwarz gekleideter Mann geht an ihr vorbei, der eine Zigarre raucht. Er fixiert sie herablassend und pfeift als er auf ihrer Höhe ist. Sie hebt den Kopf und tut als hätte sie zwei Zigarren in Ohren.  Jetzt kann sie sich gerade nicht mit diesen gemischten Gefühlen und dieser neuen Sorte Männer beschäftigen.
Sie ist zu spät, auch wenn es nicht so darauf ankommt. "Lass dir Zeit!", hatte J. gesagt. Dennoch würde sie jetzt gerne langsam ankommen. Sie steuert auf die nächste Bushaltestelle zu und vergleicht die gesuchte Straße mit der vor ihrere Nase liegenden Seitenstraße. Das sieht weit aus. Sie dreht sich zu einem jungen Mann mit schönen dunklen Augen, der freundlich schaut und fragt: "Entschuldigung, kannst du mir sagen, wo die Stargarterstraße ist?" "Ja." und er zeigt in die Richtung aus der sie gerade gekommen ist: "Ungefähr zehn Minuten runter laufen!" "Danke!", sagte sie und dreht um. Und dann fällt es ihr ein: Das letzte Mal war sie auch falsch gelaufen. Deshalb kam ihr alles so bekannt vor. Und je näher sie ihrem Bestimmungsort kam, um so mehr erinnerte sie sich: Genauso war sie gelaufen, den gleichen falschen Weg, mit ganz ähnlichen Gedanken und dann die gleiche Freude beim Finden der gesuchten Straße. Angekommen. 

Ellie Goulding - Heartbeats

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Kätzchen zu Gast

Kuschelkatzenbabys auf dem Schoß. Zu Gast bei mir zu Haus. Ich wusste nicht, dass sie so verschmust sind, von wegen: menschliche Dosenöffner. Wenn ich aufhöre zu streicheln, schauen sie mich an und drohen mir mit ihren Krallen. Also streichele ich weiter und der Milcheinschuss mütterlicher Gefühle schießt kribbelnd in meinen Busen. Bestimmt vermissen sie ihre Mama noch. Die Mädchenkatze nuckelt im Schlaf. Sie träumt von Muttermilch und kuschligstem Fell. Ihr Bruder neben ihr, hilft ihr mit seiner Katzenhaftigkeit, die Illusion aufrecht zu erhalten, für den Rest halte ich her, mit meiner Körperwärme und der festen Hand auf ihrem Fell. Sie schnurrt. Ich habe lange nicht mehr etwas entspannteres gesehen als diese Kleinen. Wie sie sich strecken und einrollen. Sie machen mich müde und wenn ich nicht still halten würde, um sie nicht zu wecken, würde ich auf der Stelle neben ihnen einschlafen und davon träumen, eine Katze zu sein.

Vendetta

Du wolltest nur Beobachter sein, der wohlwollend kritische Beobachter, immer schön die Fäden in der Hand halten, die Kontrolle über deine zwischenmenschlichen Beziehungen fest an der Leine behalten.
Ich denke trotz gegenteiligem Versprechungen meinerseits noch an dich. Und in die Gedanken mischt sich Scham. Die unangenehme Scham, abgewiesen worden zu sein; die, die mir immer wieder das Gefühl gibt, nicht gut genug gewesen zu sein. Wenn es drauf ankommt, nicht gut genug. Ich denke an dich und manchmal bleibt kaum mehr etwas übrig von dir, da die Idee, die ich von dir hatte, diese freudig-verschämte Vorahnung sich als Lüge entpuppte, so wie die Raupe zum Schmetterling nur andersherum. Was bleibt ist kaum mehr schmeichelhaft.

Du zuckst, wenn du meinen Namen hörst. So als wäre das allein zu viel für dich. Du redest dir ein, ich hätte nicht gewusst, was ich will. Du sagtest dir etwas von Verantwortung und der Gefahr der Übertragung, so als hätte je eine Übertragung stattgefunden und als hätte eine Gefahr bestanden, abgesehen von deiner eigenen versteht sich. 
Aber lassen wir das. Bald legt sich der gnädige Nebel des Vergessen über meine Scham und auch du wirst ihm nicht entgehen. Schon jetzt ertappe ich mich, wie ich vergesse, warum ich wegen dir leide. Nur das Leiden, das hält noch eine Weile länger, gleich Phantomschmerzen im Herzen. Das und kindliche Phantasien, wie es wäre, dir zu begegnen und wie ich dann die wäre, die die Kontrolle unserer Zwischenmenschlichkeit wie eine Leine in der Hand hält. Wenn du wüsstest, wie unantastbar ich dort bin, wie unverbindlich, du würdest in die Knie gehen. 

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Missbrauchte Verbundenheit

Derselbe Ring in drei verschiedenen Ausführungen: Silber, Bronze, Gold. Dieselbe Frau in drei verschiedenen Ausführungen: mit schwarzen, blonden, braunen Haaren [und wollen wir das nicht unterschlagen: in  drei verschiedenen Größen!]*. Zu kaufen für je 279 Euro.

Die Ringe versteht sich, nicht die Frauen. Die Frauen seines Geschmacks kann man dann mit je einem der Ringe kaufen. Das ist ein Unterschied! Das ist der einzige Unterschied, wenn man es genau betrachtet.
Das Wort Verbundenheit wird hier auf grausame Weise missbraucht. Es soll suggerieren, dass sich der Mann durch das Geschenk mit seiner Liebsten verbinden kann. Und die Frau kann sich dann mit der plakativen Schönheit der Frauen verbunden fühlen, denn bestimmt hat sie auch entweder braune, blonde, schwarze Haare.
Aber bei den Frauen ist ja nicht Schluss. Auch die Bedeutung des Rings, der eine alte und starke Symbolik in sich trägt, wird hier vergewaltigt. Etwas, das uns verbinden soll wird auf etwas käufliches reduziert, er deindividualisiert uns, nimmt uns den letzten Raum an Freiheit, in dem er uns die Wahl lässt zwischen drei verschiedenen Farben, bzw. uns suggeriert, unsere Wahlmöglichkeit  bestehe in plumpen äußerlichen Abweichungen und Kombinationen.

Der alltägliche Werbewahnsinn ist omnipräsent. Oft bemerken wir ihn gar nicht mehr. Außer wenn wir- so wie ging es mir-  auf den Bus warten. Ich schaute mir die Frauen an und dachte: Die sehen alle drei gleich aus. Gleich schön. Gleich glücklich. Gleich langweilig. Und plötzlich war ich sehr zufrieden mit mir und fand mich selbst besonders schön [mich würde man wiedererkennen].
Auf so eine Form der Schönheit möchte ich gerne verzichten. Auch mit so einem Ring, bleibe man mir fern.

Ich stehe da, warte auf den Bus und frage mich dabei: Welche Frau wünscht sich wohl so einen Ring zu Weihnachten und welcher Mann wird ihn ihr kaufen? Was sind das für Menschen? Was geht in ihnen vor? Ich würde sie gerne analysieren dürfen.
Dann kommt der Bus.

*Die Augen haben sie wahrscheinlich schließen müssen, nicht nur um eine Geste des Glücks zu imitieren, sondern vor allem weil es mit drei verschiedenen Augenfarben einfach zu viel Kombinationsmöglichkeiten gibt. 

Samstag, 17. Dezember 2011

Das merkwürdige Mädchen. Eine schwierige Geschichte im Kreis.

War sie merkwürdig, weil die anderen ihr das Gefühl gaben merkwürdig zu sein oder waren die anderen merkwürdig zu ihr, weil sie merkwürdig war? 
Im Rückblick stellt man sich, wenn auch flüchtig nur, diese unbequeme Frage nach den Wechselwirkungen. Dabei wären uns an dieser Stelle nette, überschaubare Kausalketten viel lieber. In diesen Fällen denken wir nicht gerne im Kreis, in dem wir uns nämlich eingestehen müssten, ein Punkt auf seiner Scheibe zu sein, mitten drin, ungewollt und ungreifbar mitverantwortlich. In diesen Fällen denkt man doch lieber linear. So können wir uns schnurgerade aus dem Geschehen ziehen.
Was ich sagen will: Es ist immer einfacher dem Individuum, in diesem Falle diesem merkwürdigen Mädchen, die Schuld zu geben. Sie war einfach merkwürdig. 

Aber wer war Schuld, dass sie immer seltsamer wurde, so dass man manchmal fast schon Angst vor ihr bekam? Wenn man einigermaßen gerecht bleiben wollte, dann musste man diese traurige Veränderung in ihrem Verhalten bemerken und wusste, dass sie vorher doch nicht ganz so merkwürdig gewesen war, sich nie solchermaßen verzweifelt aufgedrängt hatte. Sie war so sehr bedürftig danach gesehen und gehört zu werden, dass sie selbst weder sehen noch zuhören konnte. Die Einsamkeit sprach aus allem, was sie tat, lag auf ihrer hübschen Kleidung und ihrem langen Haar. Und es war genau dieser Dunstkreis ihrer Einsamkeit, die sie noch einsamer machte, sie einhüllte in einer Wolke aus ihrer eigenen Welt, in der sie immer seltener noch den Kopf herausstreckte. 
Und dann war doch noch ihre Wut, ihre leise, schüchterne Wut auf alle, die sie nicht angenommen hatten. Auch diese paradox passive Wut schreckte die anderen ab. 

Nun könnte man meinen, dass das merkwürdige Mädchen doch einen Weg finden könne, mit sich allein zufrieden zu sein, sich selbst zum Freund zu nehmen. Aber das konnte sie nicht, das hatte sie nie gelernt. Sie brauchte jemanden mit dem sie reden konnte, jemanden der ihr zuhörte.  Und sie nahm es den anderen Übel, dass sie nicht bereit dazu waren. Das war der Punkt, an dem sie den anderen lieber die Schuld für alles gab.

Aber noch einmal zurück zu den anderen, zu denen auch du und ich gehören, denn wir sind ein Kreis, ob es uns gefällt oder nicht:
Jeder, dem es einmal seelisch nicht gut ging- ach, lassen wir die euphemistischen Umschreibungen: Jedem, dem es schon einmal Scheiße ging, der sich aus irgendeinem Grund zurückzog wird wissen, wie schnell es geht, dass ein Mensch merkwürdig wird. Plötzlich bist du hochempfindlich und sensibel, deutest jedes Verhalten der anderen persönlich, achtest auf all das, was sie dir nicht sagen, obwohl sie es doch sagen müssten.
Auf einmal redest du wirres Zeug, wenn du einem Menschen begegnest, weil du unsicher bist, weil deine Zunge ungeübt ist, weil sich das Wichtige und das Unwichtige zu lange gestaut haben in dir und du es nun nicht mehr auseinander zu halten weißt und alles mit einem mal herausquillt. Vielleicht bist du auch einmal so einsam gewesen, dass du dir einbildetest, jeder, der dich auch nur freundlich anschaute sei heimlich in dich verliebt. Eben weil du es dir so wünschtest, das Gefühl nicht ertragen konntest, dass da niemand war, der dich liebte. Du hast damals dann auch übersehen, dass du ja auch niemanden liebtest und dass darin das eigentlich traurige bestand.

Viele aber haben selbst noch nie erlebt wie man sich so erschreckend schnell entgleiten kann und sie passen auf, dass es ihnen ihr Leben nicht passiert. Deshalb mieden sie das merkwürdige Mädchen, das für sie nicht nur anstregend, sondern darüber hinaus ein warnendes Beispiel für sie selber war. 

Sie erkannte das an einem Punkt in ihrem Leben und fing noch mal von vorn an. 

Freitag, 16. Dezember 2011

An den Großmeister für Stilfragen


















Die Phönizer haben das Geld erfunden-aber warum so wenig? Johann Nepomuk Nestroy

Die Bücherei sortiert in regelmäßigen Abständen Bücher aus, die man auf Spendenbasis mitnehmen kann. Manchmal ist nicht wirklich ersichtlich, warum dieses Buch kein Platz mehr in ihren Regalen hat. So ging es mir auch mit "Das stille Mädchen" von Peter Høeg. Ich beschloss ihm aus zweierlei Gründen einen Platz in meinem kleinen Bücherregal zu schenken:
Zum einen weil ich dem vorteilhafte Vorurteil verfallen bin, dänische/nordische Schriftsteller schrieben immer sehr gut. Und dann, weil das Mädchen auf dem Cover einfach sehr ausdrucksvoll ist. Letzteres war wohl sogar ausschlaggebend.

Ich erinnere mich auch noch, dass ich es zu Hause in die Hand nahm und anfing, es alsbald aber als unlesbar ins Regal zurückstellte, dabei sehnsüchtig die Schönheit des Mädchens bewundernd, die sich mir nun wohl niemals erschließen wird.

Nun war ich die Woche krank, was ab einem gewissen Punkt- nämlich an dem es einem wieder besser geht, aber noch nicht gut genug- Langeweile bedeutet. Für Unilektüre war mir noch zu Übel und in Mangel an anderem, gab ich dem stillen Mädchen noch eine Chance. Schnell aber wurde mir der Eindruck meines letzten Leseversuch wieder lebendig. Der Roman ist schwer nachvollziehbar, springt ständig zwischen den Handlungen und spielt in einer halb fiktiven Welt. Ich komme da irgendwie nicht mit. Verwundert las ich mir die positiven Kritiken durch. Wahrscheinlich hat niemand etwas verstanden und nach dem "des Königs neue Kleider Prinzip" klatschen lieber alle eifrig. (Ich gebe zu, teilweise sehr einfache Erklärungsmuster parat zu haben, um mir die Welt ein wenig einfacher zu machen.)

Worauf ich aber eigentlich hinaus will: Ich blätterte auf der Suche nach einem Faden, der mich doch noch zum stillen Mädchen leiten würde im Buch herum und hatte plötzlich die oben abgebildete Postkarte in der Hand. Adressiert war sie "An den Großmeister für Stilfragen" und dann ein richtiger Name, eine richtige Straße und eine Postleitzahl in Wolfsburg. Gefüllt war sie mit den Worten:

My dear,
ich habe ganz vergessen, dich im Neuen Jahr, zu fragen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast. G

Wie merkwürdig so etwas ist. Etwas aus einem anderen Leben, in meinem Bücherregal, die ganze Zeit und ich wusste nichts davon.
Jetzt überlege ich, ob ich die Karte abschicken soll. Vielleicht freut sich ja der Herr des Stils. In meinem Kopf haben sie sich zerstritten oder sind seit ein paar Jahren zusammengezogen und stecken gerade in der Routine des Alltags fest? Was würde der Großmeister für Stilfragen wohl denken, wenn er kurz vor diesem neuen Jahr diese alte Karte bekommt. Wohnt er überhaupt noch dort? Und: Hat er alle Tassen im Schrank?

Aber natürlich werde ich es nicht tun, weil das nicht mein Recht ist. G wird schon wissen, warum er/sie sie nicht abschickte, vielleicht hatte G. nie vorgehabt sie abzuschicken und selbst wenn doch, wäre es ihr nun vielleicht unangenehm, wenn sie jetzt doch noch ankäme.

Das stille Mädchen ist weiterhin still und hat auch dazu nichts zu sagen. In ihren Augen aber - sehe ich - liegt deshalb die Welt.

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

R.M. Rilke


video

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Poetry Slam Ulm: Nico Semsrott

Poetry Slam Ulm: Franziska Holzheimer

Schaukelnd schwindelig verbringe ich meine Zeit zwischen Schlaf und Übelkeit. Zwischendurch schaue ich [was ich lange Zeit vergessen hatte] Poetry Slams und wunder mich über so viel Talent. Wer sagt, Dichtung gibt es heutzutage nicht, der weiß einfach nicht, was Dichtung ist.
Manchmal ist es mir ein wenig zu viel, zu schnell. Gehöre wohl doch schon zu einer anderen Generation, einer, die in der Mitte stecken geblieben ist. Von jedem ein bisschen und von nichts richtig. Aber weg von mir, von der ich gerade glaube, sich damit abgefunden zu haben, nicht die zu sein, die sie gern wäre[ohne Bitternis].

Ich bin ein Poetry-Slam-Fan, auch wenn es mir oft ein wenig zu viel des Guten ist, sich der Sprachwitz und das Sprachgeschick dem Hörer förmlich aufdrängt und eigenes im Kaum erstickt. Aber auch genug davon. Ich höre und sehe mir auf meinem schaukelnden Schiff Poetry-Slams an und freue mich über die Jugend.
Wie sie es schafft aus den Wirren unserer Zeiten Poesie zu machen.

Und nun, Bühne auf für meinen momentanen Favorit, bei der ich nur das künstliche in der Stimme nicht mag, was aber wohl ein wenig dazu gehört zum slammen. Ich finde auch ihre anderen Stücke wunderbar:



Samstag, 10. Dezember 2011

Vom Vermissen bei Vollmond

Immer wenn Vollmond ist und heute ist Vollmond, dann vermisst er etwas. Er weiß nur nicht was. Der Mond kann es nicht sein, denn er ist ja ganz da. Viel eher scheint es etwas zu sein, dessen Fehlen durch die vollkommen runde Anwesenheit des Mondes überhaupt erst wahrnehmbar wird. Er denkt an sie. Und weiß, dass sie immer so unerreichbar bleiben wird wie der Mond. Vielleicht ist es das. Das stinknormale Klischee einer romantischen Vorstellung der ewigen Sehnsucht für die der Mond selbst zum Symbol geworden ist. Am Ende ist es gar nicht der Mond, der lange schon nur noch Herr über die Gezeiten ist, der ihn zu etwas zieht, das vielleicht sie ist, vielleicht aber auch nur etwas viel tiefer verborgenes, dem sie in irgendeinem undefinierbaren Aspekt zufälligerweise am nächsten kommt. Ja, am Ende ist es nicht mehr als das. Der Mond als metaphorischer Stellvertreter seiner ungreifbaren Sehnsüchte, die in Wirklichkeit nicht seine sind, sondern ihm nur angehören, weil er vollständig in der Menge der Menschen subsumiert ist.
Er schaut nach oben und fragt sich, wie es wohl wäre, den Mond mit den Augen eines ersten Menschen zu sehen. Vielleicht vermisst er das: Die Möglichkeit von Unvoreingenommenheit, noch einmal ganz neu beginnen zu können. 

Freitag, 9. Dezember 2011

Berührt

Begehren in kalter Winterluft liegt zwischen den Stühlen. Blicke, die keine sind, tun als hätten sie sich nicht gesehen.
Er zu ihr. Sie zu ihm. Ein Blick zwischen den Betten. Hunger auf Hände auf der Haut, der eigenen, des anderen. Berühren sich Wollpullover zärtlich im Vorübergehen.
Sein Blick bohrt ein Loch in ihren Rücken. Sie verbietet sich, sich umzudrehen. Sie zittert, aber nicht vor Kälte. Jemand schaut von vorne. Ihr wird heiß, aber nicht wegen der Wolle. 
Sie schützt ihr Gesicht, gelesen zu werden. Es wird eng auf dem Stuhl. Wie sich alle zu ihr drängen. Dabei sagt sie gar nichts, denkt an Eier, die nachher aus dem Kühlschrank fallen. So hungrig nach so vielem. Ihr Liste für Weihnachten ist lang: Tausend Mal Begehren. 

Kann es sein?

Ist unsere Intuition am Ende das einzig Wahre auf der Welt?

Ist unsere Empathie letztendlich das einzige was zählt? 

Ist das Ich der Anfang und das Ende jeden Übels?

Ist die Liebe wahr und zugleich auch Lüge?

Ist der Sinn Sinn los zu lassen? 

Ist am Ende nichts?


Als Finsternis?

Als Licht?

?

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Von dem Wahnsinn der Pubertät

Niemand hat mir gesagt, dass die Pubertät die Zeit des Wahnsinns ist. Ich selbst konnte mir den Luxus nicht erlauben, sie auszuleben und nun trifft es mich doppelt überraschend: Ich kannte es nicht und niemand hat es mir gesagt. Oder ich habe nicht zugehört, was aufs gleich hinauskommt.

Es wäre wohl eine Lüge, wenn ich behaupten würde, ich wünschte mir die Zeit zurückdrehen zu können, als die Kinder noch einfach kleine Kinder waren. Nein- dafür waren mir die Ketten zu eng umgelegt und noch einmal alleine mit der Verantwortung auf Schritt und Tritt, dazu wäre ich nicht fähig. Zu spät habe ich erkannt, dass ich dieses "Gen" der Selbstaufgabe nicht in mir trage, meine Mütterlichkeit eine Grenze hat, die lange schon erreicht ist und das andere ist nur noch ein Bemühen, ein sich Mühe geben, ein Versuch da zu sein, mehr aber nicht.
Meine Freundinnen sagen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass du schon eine fünfzehnjährige Tochter hast. Das Problem ist: Ich auch nicht. 
Es bleibt ein Rätsel, wie das geschehen konnte und vor allem wann! 

Und was mir jetzt am meisten fehlt ist der Respekt, den ich nie gründlich genug verlangte, und was mir nun schadet ist das Fehlen von Strafen in der Art meiner Erziehung. Ich hätte mich nie getraut meine Mutter zu beschimpfen. Aber ich war anscheinend auch nie in der Pubertät. Und auch, wenn ich mir für meine Kinder die Form der Angst nicht wünsche, die ja eigentlich hinter dem Wort Respekt steckt, jedenfalls in vielen Fällen, wünsche ich mir, sie hätten eine Grenze. Wünsche mir, sie könnten sehen, dass ich es verdient habe respektiert zu werden, weil ich doch die Verantwortung trage für unsere  kleine Familie und das ein Scheiß-Job ist, der einem die Schulter zu Beton werden lässt. Aber wenn du keine Mutter bist, vor der man Angst hat, dann bist du eine Mutter, die wie eine Schwester ist, der du Dinge an den Kopf werfen kannst, weil sich alles nur um dich dreht, das ganze Universum nur um dich und du nicht bereit sein kannst, einmal zurückzutreten, mitzuhelfen, geschweige denn dafür Verständnis zu haben für andere. Das ist Pubertät. Und da ich es nie erlebte, komme ich nicht klar mit den Sprüngen von "Mama, du bist die beste" und den Fällen "Mama, du bist das allerletzte". Was habe ich euch getan, frage ich mich leise, weinerlich-fast als hätte die Pubertät mich auch angesteckt: Seht ihr nicht, dass ich mir Mühe geb, so gut ich eben kann.

Ich wollte nie für meine Kinder, dass sie viel Verpflichtungen haben, auch wenn sie sicher früh selbstständig sein mussten, aber nicht über sich selbst hinaus. Ich wollte die große Schwester nicht zu einer großen Schwester machen und die kleineren auch groß werden lassen.
Was ich wollte, ist aber unerheblich, das meiste spielt sich doch im Unbewussten ab. Und es soll hier auch kein Jammern sein, kein Klagen. Meist sehe ich meine Kinder eher als Oper ihrer Umstände für die verantwortlich bin. Nur geht das, was gerade zu Hause abläuft weit über das rational erklärbare hinaus. Der Wahnsinn hat einen Namen: Pubertät. 

Liebensmüde
























Du darfst nicht schweigen. Das Schweigen ist der Anfang jeder Entfremdung deiner selbst. Die Müdigkeit strömt aus jeder deiner Poren. Keine Worte der Welt vermögen dich zu wecken. Warum das alles?-ist die Frage, die man nur mit Sonne erträgt.  Hungrig nach einem warmen Blick, der sie ersetzen könnte, irrst du von einem Ort zum anderen, siehst niemanden, der dich sehen will, auch wenn es anders aussieht. So wie es immer anders aussieht. Müde des Schauens und des Gebens, bleiben nur noch Menschen übrig, die selbst zu sehen und zu geben vermögen. Dir bleibt nichts anderes, als auf ihre Existenz zu hoffen.

Du weißt um die Vergänglichkeit deiner Lebenszeit. Und dennoch wünscht du dir das Fallen der Körner in der Sanduhr deines Lebens zu beschleunigen. Eigentlich nicht, weil du dir das Ende wünscht, sondern weil du auf diffuse Weise hoffst, die Zukunft möge leichter werden, ohne all die Streitereien, in denen du verdammt bist, die Ungerechte zu sein. Und irgendwie reicht die Liebe nicht mehr aus, die du zu geben hast, der Hass scheint den Platz mit einer Selbstverständlichkeit einzunehmen, die dich erschaudern lässt. Und du bist sicher, du würdest alles anders machen in einem anderen Leben.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Selah Sue - Crazy Vibes



"Mein" Professor hat es mit Gott, wenn er uns nicht gerade den semantische Aufstieg* nahe bringt oder uns auf die Schwächen der Wahrheitstafeln hinweist-dafür liebe ich ihn übrigens fast. Es wäre doch zu hässlich gewesen, sie sich erst anzueignen und dann zu sehen, dass sie fehlerhaft sind, dass die ganze Quälerei umsonst war. Aber selbst, wenn sie nicht in ihrem eigenen System fehlerhaft wären, erschließt sich mir ihr Sinn sehr schwer. Weil man alles mögliche mit ihnen beweisen kann, weil es nicht wirklich auf die Wahrheit der Prämissen ankommt, sondern auf das korrekte Schlussfolgern.
Aber zurück zu "meinem" Professor. Früher war er ein radikaler Materialist, sagt er. Und dann? Und dann wird man älter, erzählt er. Alle lachen. Und dann kommt wohl Gott mit ins Spiel.

Ich schätze an ihm, dass er über sich selbst lachen kann. Würde ihn natürlich aber gerne fragen, ob er seinen Wandel tatsächlich nur dem Alter zuschreibt. Immerhin könnte es ja auch die Weisheit sein, die da ihre Stimme erhebt. Wir neigen manchmal dazu uns selbst so kritisch zu hinterfragen, dass nicht strahlend schönes mehr Bestand haben kann.
Und eigentlich finde ich es gut, die ganzen falschen Götter vom Thron zu hauen, unsere eigenen konstruierten und idealisierten Bilder von unserer Menschlichkeit zu zerstören. Nur muss man wissen, wann man da aufhört. Aber ich verzettel mich wieder...zurück zu Gott.

Er scheint mich zu erfolgen. Egal, wo ich mich hinwende, erscheint er, sogar in der Philosophie, dort wo ich ihn nicht erwartet habe.

Nun sitze ich da und höre einem Professor zu, der uns vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch erklärt hätte, warum er Materialist ist, auffällig viel von Gott erzählt und was welche Philosophen über ihn gesagt haben, warum das Mittelalter alles andere als zurückgeblieben war. Ich finde das sehr erheiternd.


*Deren Bedeutung ich jetzt jedenfalls insofern zu schätzen weiß, dass er implizit bedeutet, dass wir die Welt nur durch unsere menschliche Brille=Sprache begreifen können. Genauso verhält es sich mit Kant, den ich bis jetzt einzig und allein für seine Feststellung zu schätzen weiß, dass wir die Welt nur durch unser Menschsein heraus nur in Zeit und Raum wahrnehmen können. Anders ist es uns nicht möglich, so können wir über die Welt an sich nicht viel sagen, lediglich wie wir sie wahrnehmen. Und hier fängt es an, mir zu gefallen, denn dem Mensch steht nun mal Bescheidenheit.

Gedichte lesen

Wer
von einem Gedicht
seine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Wer
von einem Gedicht
keine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Erich Fried

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Einen Weg gehen
























Foto: Fatima Z. und Freundin. Danke an die anonyme Fotografin für die Erlaubnis. Ich finde, es ist ein sehr stimmungsvolles Bild.

Menschen, eine Suchanzeige.

Seelen erkennen sich und finden auf natürliche Weise zusammen. Ich weiß, ich werde noch lernen,dass auch hier der Schein trügt, dass manches im Eifer der erste Euphorie und im Glanz des Anfangs, sich später als Sackgasse entpuppen wird. Sackgasse? Auf welchem Weg? Auf dem Weg des Erkennens, des Findens.
Und ich suche Verbundenheit, keine Verbindlichkeit,für den Anfang. Denn ich lerne die Menschen erst kennen, stehe am Anfang von etwas neuem, zum ersten mal mit Möglichkeiten. Und du musst es mir einfach glauben, dass da vorher nicht viel war, zu finden. Ohne herabschauen zu wollen auf die davor, aber es gibt einfach bestimmte Seelen, die passen zusammen und findet man sie nicht, dann fühlt man sich seltsam, denn dann kann man sich selbst nicht einordnen, in den Kontext der Welt, bleibt als ein Splitter im menschlichen Kollektivs, einsam und isoliert. 

Der Mensch allein ist nichts. Das traue ich mich jetzt zu sagen. Er soll alleine sein können, aber er braucht die anderen. Von Ausnahmen einmal abgesehen. Und ich bin  nicht die Ausnahme. Du auch nicht.

Über die Legalität der Kunst

Folgende Gedanken sind nur ein Ansatz und als diese sehr unreif, aber ein Anfang, vielleicht.

Gestern wurde die Frage nach der Legalität von künstlerischer Darstellung des Holocaust im allgemeinen und über das Mittel der Polemik im speziellen gestellt. Mich wühlt die Frage sehr auf. Tausend Brausetabletten im Bauch.
Denn ich finde die Frage an sich sehr wichtig, ist sie einer der gesellschaftlich relevanten Schlüsselfragen, ein Versuch moralischer Grenzfindungen und überhaupt beschäftigt mich Kunst und ihre Rolle momentan ziemlich intensiv.
Etwas in mir will aber in den Raum rufen: Vielleicht ist die Frage schon falsch gestellt!?
Vielleicht gibt es da kein richtig und falsch, weil das nicht die Rolle der Kunst ist. Weil sie ein Weg ist mit existenziellen Nöten und Ängsten umzugehen,weil sie ihnen Ausdruck verleiht, sie der einzige Weg ist, die innere Ohnmacht zu überwinden, in dem man seinen Schmerz in die äußere Welt manifestiert.*

Mary am Meer

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