Dienstag, 29. November 2011

Dann ist das Leben fast ein Traum

Ein Nebel,
der nur verschleiert
und nicht
zu verzaubern versteht. 

Das- und
die Frage, ob wir
am Ende
mehr
sind
als unsere Angst und
unsere Sehnsucht.

Ob wir letztendlich gar nicht mehr sein können und
die Realität
nur eine Art 
Abfallprodukt. 

Warum fühle ich
in Träumen 
mehr-
als 
im Wachen? 

Was fängt mich da-
auf, am Tage ?
Was schafft 
diesen Schleier 
zwischen mir und
dir.

So, dass ich nie die bin, die ich bin, wenn ich bei dir bin und du kannst mich nicht erkennen.


Und
ganz selten 
gibt es
sie.
Momente, 
in denen es
echt erscheint,
das Leben.
Dann ist das Leben
fast-
ein Traum!

Nur ist es nicht
das Aufwachen,
ist es 
der Augenblick, 
der ihn erlöschen lässt, 
das Leben,
den Traum.

Was man so lernen kann. Busgeschichte

Wenn ich nicht so müde wär, würde ich schreiben: Warum wir Deutschen Probleme mit Emotionen haben. Es drängt mich sogar darüber zu schreiben, so als sei ich die einzige, die etwas dazu zu sagen hätte, was Unsinn ist und ich weiß es. Aber etwas in mir verlangt von mir sich auseinanderzusetzen. Und ich war nie mehr Deutsche als in der Sache des Problems mit den Emotionen, explizit in der Literatur.

Aber heute bin zu müde, dabei hatte ich heute morgen noch die richtigen Worte. Die, die ich sagen wollte. Und ich schrieb sie fiktiv in meinen Kopf, als ich im Bus saß; hinten links, das ist der beste Platz überhaupt. Da fiel mir auf, dass ich im falschen Bus sitze.
Es ist das zweite Mal, dass mir das passiert. Ich werde zu spät kommen und frage mich nach dem ersten Schrecken und der drauf folgenden Scham, was ich davon lernen kann. Was außer konzentrierter zu sein, denn scheinbar kann ich das nicht lernen, sonst hätte ich es schon getan.

Ich habe die Strecke vor meiner üblichen Haltestelle kennengelernt, denn ich bin mit dem falschen Bus "zurückgefahren" und stieg dort aus, wo mein Bus wieder  fuhr. Ich schaute mich um und fand es plötzlich merkwürdig, dass der Bus, in den ich steige auch von hier kommt, einen Ort, den ich nicht kannte. Und so ist es mit vielem. Wir erkennen immer nur den klitzekleinen Ausschnitt, den wir erleben, wenn überhaupt. Wenn überhaupt. 

Montag, 28. November 2011

Fremder Bruder

Gestern Nacht umarmte ich einen nicht gekannten Bruder, der seine Eltern suchte. Es war merkwürdig plötzlich einen Bruder zu haben* und sehr schön. Wir umarten uns und ich sagte ihm: Alles wird gut.

So wie ich es immer sage und immer auch meine. Er war schön, mein Bruder, einen guten Kopf größer als ich, schmal und hatte schwarze, ein wenig lockiges Haar. Vielleicht war er mir darin am ähnlichsten. Er sah traurig aus und auch verzweifelt, weil er gleich wieder gehen musste, seine Eltern suchen, vor allem seine Mutter.
Ich nahm seine Hände und spürte meine Liebe zu ihm, dem fremden Bruder.
Da wachte  ich mit der Gewissheit auf, dass es viele verschiedene Formen der Liebe zwischen Mann und Frau gibt. Ich kenne sie nicht.
Und plötzlich habe ich Angst, dass es immer nur der  Schleier der Sehnsucht ist, der uns gestattet leidenschaftlich zu sein. Dass unser Menschsein mit der Angst und der Sehnsucht beginnt. Und dass wir am Ende nicht viel mehr sind als unsere Angst und unsere Sehnsucht.

Wir haben [fast noch] Neumond. Übrigens. Den habe ich von meinem Fenster aus gesehen.


*Jedoch war es ganz selbstverständlich, dass er mein Bruder war, obwohl wir uns nicht dieselben Eltern teilten.

Sonntag, 27. November 2011

Gender-Scheiß. Eine Gute- Nacht Geschichte













Keine Ahnung, warum genau das hier herauswollte. Es entspricht nicht einmal meiner Meinung. Jedenfalls nicht so undifferenziert. Eigentlich sollte meine Gute-Nacht-Geschichte ganz anders aussehen.

Du glaubst ich schreibe, um zu verführen. Selten hat jemand etwas dämlicheres gesagt. Mit Worten verführt man niemanden, mit Worten blendet man nur. Und nur ganz dumme Menschen glauben, das hätte etwas mit Liebe zu tun. 

Wenn ich dich- nur so als Beispiel- verführen wollte, dann schaue ich dich an, mit diesem Blick- siehst du- diesen hier. Der Blick sagt dir, dass ich alles über dich weiß, was es zu wissen gibt. Ja, dass ich selbst mehr weiß, als du über dich selbst. So mache ich dir Angst. 
Und du, du weichst meinem Blick aus, weil du ihn nicht ertragen kannst. Das ist die Mutprobe. Die hast du nicht bestanden. Die hast du verloren! 
Ich hab gewonnen, die Oberhand, die Macht, nenne es wie du magst, meist habe ich jedoch ebenfalls etwas verloren, nämlich das Interesse, außer du bist sehr schön, dann mag dir das die Frau vielleicht verzeihen. 

Du fragst, ob es immer so sein muss. Warum nicht auf Augenhöhe? Und ich seufze und bewundere meine Geduld mit dir. 
Das wäre doch langweilig. Wie wär das Leben langweilig. Ein fader immergleicherrosaroter Einheitsbrei der Liebe. "Ich liebe dich, Schatz! Ich liebe dich auch, Schatz! Ach, wie ich dich liebe, Schatz!" Und schon ist ihre Liebe gestorben vor lauter Langeweile oder haben sich ihre Affären gesucht, bei denen sie Feuer spüren, bei denen sie verbrennen wollen oder brandmarken. 

Deshalb, vergiss mal ganz schnell die Augenhöhe. Wir sind alle romantisch verseucht! 
In Wahrheit ist die Liebe nur die Frage der Dominanz des einen über den anderen. Wir aber verwechseln den Waffenstillstand, wenn wir uns erschöpft still aneinander kuscheln, mit Liebe. Du findest meine Vorstellung der Liebe zu anstregend? Dann findest du wohl auch das Leben zu anstregend. Vielleicht willst du auch zurück in den Bauch deiner Mutter, wieder eins werden mit ihr??Kennst du diese Paare, die aus zweien zu einem geworden sind? Die kleben aneinander und die trennt nicht einmal der Tod. Lieber stirbt der andere mit, wenn der eine sterben muss. Möchtest du sowas? Das Leben in Form einer Person? 
Warum eigentlich nicht?- was reg ich mich so auf. Meinetwegen geh und verschmelze mit einer Person deiner Wahl. Für mich wär das nichts, mir reicht es, wenn ich einmal sterbe. 

Zurück zur Verführung. Ein Mann, der mich binden kann, der muss mich anschauen können. Nicht irgendwie und schon gar nicht wie ein verliebter Vollpfosten. Sein Blick muss mich treffen: "Nichts weißt du über mich, kleine Lügnerin." So in der Art muss er schauen, durchschauend muss er schauen. Keine Angst darf er zeigen. Das ist der ganze Trick. 

Sind alle Frauen so?- fragst du. Was weiß ich, wie alle Frauen sind? Aber ich glaube viele. Ihr Männer glaubt ja deshalb gerne, ihr müsstet Arschlöcher sein.  Nur weil Arschlöcher auch son Blick drauf haben. Eine verheerende Verwechslung. Verheerend vor allem für die Frauen. Aber der Blick der Arschlöcher stammt aus Verachtung und narzisstischer Schwanzfixiertheit, nicht aus ritterlichem Kampfgeist und Neugier. Der Mann, von dem ich spreche, der liebt die Weiblichkeit. Er liebt das Spiel, aber weiß um seine Grenzen. Er hält Frauen die Tür auf; lächelt, nickt, grüßt. Aber er lässt sich nicht  einschüchtern, verstehst du? Das ist sehr wichtig: Ein Mann, der Angst vor Frauen hat, der taugt nichts. Der hat sich selbst entmännlicht. Verstehst du? 

Samstag, 26. November 2011

Bittermandel: Liebe ist frei!

Bittermandel: Liebe ist frei!: Liebe ist frei. So komme und ich gehöre dir. Wenn du mich zu nehmen weißt, wenn du dich nur traust. Liebe ist frei und ich ergebe mich, wenn...

Freitag, 25. November 2011

Das ist Berlin

Wenn in der Bahn die wohlbekannte Motzverkäuferin ihren Spruch herunterlallt, im monotonen Singsang, früher hatte sie immer ihren Hund dabei und sie schnaufte und stampfte, wenn ihr niemand etwas gab. Ich hatte beim ersten Mal meine Hand noch in der Tasche als sie schon zu schimpfen anfing: "Alle so geizig."
Da ließ ich mein Hand in der Tasche. Es war nicht einmal ihre Unverschämtheit, die mich hinderte, denn ich erwarte keinen Dank- wenn man gibt, dann um des geben Willen- sondern vielmehr aus dem Gefühl heraus im Sinne einer zwischenmenschlichen erzieherischen Pflicht zu handeln, um ihr Gemecker nicht positiv zu verstärken.
Diesmal gibt jemand etwas. Es klimpert und sie schnieft zufrieden durch die Nase ein und steigt aus.

Wenn eine Station später drei Musiker hineinspringen, die Musik viel zu laut aufgespielen, als dass sie entzücken könnte, so als wollten sie das Geld, damit sie aufhören zu spielen. Niemand gibt etwas. Der eine haut zur Strafe noch einmal extra in die Tasten und dann geht es weiter in die nächste Bahn. Kurz überlege ich, ob ich ihnen verraten soll, dass sie bessere Chancen hätten, wenn sie das Ganze nur halb so laut spielten und weniger fordernd wären. Aber sie sind mir doch zu fremd, zu wild, erinnern mich an Wegelagerer.

Wenn sich dann die Tür noch nicht einmal hinter ihnen geschlossen hat und schon der dritte hineinhumpelt, krank sieht er aus, mager und blass. Eine Frau lacht und sagt laut: Wie am Fließband! Andere lachen mit. Er sagt ziemlich leise, mit Resignation in der Stimme: "Schuldigung die Störung, hat jemand was über, gerne auch was zu essen."
Ich habe wirklich nur 3-4 Cent in meiner Tasche und nichts essbares, außer man möchte ein paar lose Kaugummis dazu zählen, weil ich alles zu Hause gelassen habe, damit die Kinder was kaufen können, wenn sie etwas brauchen, da ich erst abends nach Hause komme. Sonst hätte ich ihm etwas gegeben, weil er nichts dafür kann, das vor ihm zwei andere da waren, weil er wirklich krank aussieht, weil die Frau so gemein gelacht hat. Aber ich habe nichts und senke beschämt den Kopf. Fast ist er ohne etwas aus der Bahn, als ein solariumgebräunter türkischer Mann ihm durch das Abteil nacheilt und ihm fünf Euro in die Hand drückt. Der Bettler auf den Krücken ruft fast:
"Allah möge es dir vergelten!", und humpelt aus der Bahn.

Wenn im Vorübergehen jemand sagt: Nicht immer diesen scheiß-vegetarischen Fraß.

Oder wenn im Bus, der eine Opa zum anderen sagt: "Sach ma, dein Mund hängt heut schon den ganzen Tag so schief. Nicht, dass du einen Schlaganfall hattest.", und der andere nur die Schultern hängen lässt und nichts darauf sagt. [Auch Ernie und Bernd sind wohl älter geworden.]

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Vorgenommen hatte ich mir ja, die Fahrzeit zum lesen der Texte zu nutzen, aber ich merke wie ich es brauche, einfach da zu sitzen und nichts zu tun, mir die Stadt draußen anzuschauen. Den Himmel, die Häuser, die Straßen, die Menschen, die Bäume. Busfahren hat etwas meditatives für mich. Ich denke dort nicht [oder zumindest selten]; ich betrachte und entspanne. Deshalb auch ziehe ich den Bus der Bahn vor, auch wenn ich 15 Minuten Zeit pro Fahrt sparen würde.
 Und ich mag es einzusteigen und dem Fahrer "Guten Morgen", "Guten Tag", "Guten Abend" zu sagen.
Ich mag den Schulkindern dabei zu schauen, wie sie albern und überdreht sind, dabei immer viel zu laut und es kein bisschen mitbekommen.
Oder wenn ein alter Herr eine ältere Dame anschaut, die sehr schön zurecht gemacht ist. Der interessierte, doch schüchterne Blick ist derselbe geblieben, hat sich dem Alterungsprozess einfach entzogen.
Ein Mädchen von ungefähr 11 Jahren steigt mit ihrem kleinen Bruder ein und schaut mehrmals sehr fachmännisch auf den Fahrplan. Ich lächle sie an: Das machst du sehr gut. Sie sieht meinen Blick, erwidert mein Lächeln und ich erkenne das stolze Zucken um den Mund: Ja, das mache ich sehr gut. 

Alin Coen-Festhalten



Lange nicht gehört. Mein Musikgeschmack scheint der einer schwangeren zu sein: Alles wild durcheinander. 

Mittwoch, 23. November 2011

Schattenmann

In der Nacht entgleitet mir mein Leben. Jedes mal aufs Neue. Und jedes mal sammle ich es am morgen wieder zusammen. Ich komme nicht umhin diese Diskrepanz zu bemerken und frage in mich hinein: wessen Erbe trägst du da? [Eben weil es so unglaublich scheint, dass das allein mit mir zu tun haben soll.]
Heute Nacht war ich an vielen Orten. 
Erstmalig jedoch begegnete mir die Zweidimensionale. Es war in einer Bahn. Sie war nicht wie am Tage überfüllt. Ich stand dennoch. Da löste sich ein Schatten von der Wand. Ein Mann mit Hut, ganz grauschwarz und platt. Er drehte sich [nach rechts] in unsere dritte Dimension und fing an sich selbst anzupreisen. Er war irgendwie schüchtern oder wahrscheinlicher: einfach ungeübt und dennoch sehr von sich selbst überzeugt. Es war als gäbe er eine Kontaktanzeige auf, mitten in der Bahn. Die Menschen hörten ihm zu. Aber er wollte noch etwas anderes. Etwas, das wir nicht begreifen konnten. 
Und mit einem mal wusste ich, dass er gefährlich war. Auch wenn er keinesfalls den Eindruck machte, noch viel zu flach, viel zu sehr mit der Wand der Bahn verbunden, um eine Gefahr darzustellen. 
Im nächsten Moment las ich die Schlagzeilen von morgen und es handelte so viel ich verstehen konnte, von einem, der ganz viele Menschen auf einmal mit sich zog. Mehr ein Phänomen als eine Person und doch in der Gestalt einer Person. Die Zeitung stellte es als ein Mysterium da: Niemand könne doch an verschiedenen Orten gleichzeitig sein*. Plötzlich ertönte ein schauerliches Geräusch hinter meinem Rücken. Es war ein verhöhnendes Lachen und ein animalisches Brüllen in einem. Es war schrecklich. Ich erwachte zitternd. Meine Decke lag neben mir. Ich bemerkte, wie ich fror. 

* Argumentationskurs lässt grüßen.

Dienstag, 22. November 2011

Am Ende des Tages oder: Unvöllständig


















Am Ende des Tages bin ich stumm.
Die Worte, die ich hörte, die ich las, machen mich stumm. Am Ende des Tages will ich nur noch lieben oder leiden, nur reden, reden will ich nicht. Auch das Schreiben fällt mir schwer. Dabei tippte ich Gedanken und Gefühle an verschiedenen Stellen des Tages in meinen Kopf, oft sind es nur Fetzen im Vorübergehen, die genauso schnell verwehen, wie sie gekommen sind.  Nichts, was sich lohnte festzuhalten und ich denke dann und wann an meine kürzlich gesagten Worte, geschrieben und gesprochen, und bin so müde meiner Worte. Und ich möchte endlich aufhören so viel sinnloses zu sagen, albernes Gerede, will nur noch reden, wenn es sein muss.

Diesen Winter nimmst du dir einen Liebhaber, schwör ich mir. Der soll mich vom reden abhalten. Der soll mich wortlos lieben.....Mein Leiden schafft, was die Freude nie zustande bringt....Wenn alle Worte der Welt wertlos sind.....Wo ein Lächeln zwischen zwei Fremden im Vorübergehen Bestand hat.

Und wenn wir es auf etwas herunterbrechen wollen, das Leben, dann ist es Leben ohne Schmerz und Hunger, in Sicherheit und danach?
Danach nur noch Verbundenheit.
Verbundenheit: Das Glück hat einen so plumpen Namen, der an Telefonverbindungen denken lässt und Hosenbund. Und dennoch ist es das, nach dem sich der physisch abgefüllte Mensch am meisten sehnt.

Ich denke an das Telefon und wie es mich nervt. Vor allem da wir nur ein verschnurtes haben und man dann unbequem am Ende des Zimmers sitzen muss, wenn es für mich ist, wenn sich noch irgendjemand traut, bei mir anzurufen*. Wenn es- wie öfter der Fall- für meine Kinder ist, dann muss ich von meinen Sachen aufstehen und weiß nicht, ob ich verärgert sein soll, dass es schon wieder der x ist oder erleichtert, weil ich es nur weiterleiten muss.

Eine Stunde später im Wartezimmer der Logopädin, lese ich "Die Ermittlungen" von Peter Weiss und alle anderen Gedanken werden lächerlich, weil ich plötzlich wieder weiß, wie grausam die Welt ist und ich nur ein Wurm, der bis jetzt davon gekommen ist, was in dem Moment aber auf eine groteske Weise die Bedeutung verliert, da es die anderen traf. Auch mit der Schuld der Überlebenden, muss man irgendwie klar kommen. Es ist als ziehe das Schreckliche jeden Sinn aus dem Leben, wie die Dementoren in Harry Potter. Ich kann es dann nie zusammenbringen, das Alltagsleben und das schreckliche Leben anderer auf dieser Welt. Sie krachen einfach immer aufeinander: [Das ist]Der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch. 


*Ich hasste konnte das Telefon schon immer nicht leiden, unabhängig von der Frage der Schnurlosigkeit, nur ist es jetzt noch heftiger. Lieber schreibe ich, als mit jemanden zu reden, der nicht bei mir ist. Den Menschen auf eine Stimme zu reduzieren, fand ich schon immer gruselig, auch wenn ich Stimmen liebe. Nur keine Stimmen, die aus einem Stück Plastik in der Hand kommen. 

Montag, 21. November 2011

In Your Arms - Kina Grannis



Schaut euch danach das Make-of an: http://www.youtube.com/watch?v=cIH4MJAC2Tg&feature=relmfu
Das ist alles Handarbeit!- mit "Jellybeans"-so etwas wie Kaubonbons. 

Sonntag, 20. November 2011

Vom semantischen Ausstieg einer Klofrau

Folgender Text spiegelt nicht meine absolute Meinung über Worte wieder, dazu liebe ich sie zu sehr, es wäre außerdem ungerecht und einseitig betrachtet. Aber eine kleine Klofrau wohnt schon in mir und nach einer Belehrung über semantische Aufstiege, Prädikatenprädikate und einem Text von Kant, der das Klo endgültig zum überlaufen brachte, schenkte ich ihr Gehör:

Meine Worte waren schon von Anfang an nie so groß, wie sie mir versprachen zu sein. So nahmen sie ziemlich schnell den bitteren Geschmack der Enttäuschung an, der sich jedoch eine ganze Weile unter dem Zauber ihrer Versprechungen zu verstecken wusste.

Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich als kleines Mädchen eine Wortfinderin werden wollte, wie ich voll verblendeter Zuversicht als Berufswunsch "Autorin" in die Poesiealben einschrieb.
Wie blind ich gewesen war, wurde mir glücklicherweise klar, als ich mich selbst, auf dem Weg des Lebens, mehr als einmal verlor. Erstmalig verlor ich dort auch den Glauben in die Worte. Ich klagte sie an. Ich spuckte ihnen ins Gesicht. Ich zeihte ihnen der Lüge. Ich mied sie. Ich machte sie verantwortlich und versteckte meinen Ekel nicht.
Wenn ich einmal in einen Bücherladen musste- aus allerlei verschiedenen Gründen, die hier nicht von weiterer Bedeutung sind- bekam ich Ausschlag und Brechreiz, beides auf einmal.
(Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist, wenn man nicht zu entscheiden vermag, ob dem Jucken oder dem Erbrechen als erstes nachgekommen werden muss? So fühlte ich mich jedesmal.)

Dort, wo Wortleichen aufgestapelt wurden, in schöne Hüllen gekleidet, voll von Worten, die niemand brauchte und jedermann kaufte, um sich mit ihnen äußerlich wie innerlich zu schmücken, so wie andere Hirschköpfe an die Wände hängen und Leopardenfelle auf den Boden legen, kaufen unsere Menschen Bücher. Sie finden das schön. Sie nennen es Bildung. So fest glauben sie an die Zauberkraft ihrer ausgedachten Worte und glauben bis heute, dass sie eines Tages in ihnen wirklich noch etwas finden würden, was bisher unbekannt war; etwas, das Antworten und Lösungen enthielte.
Und deshalb schreiben sie immer wieder dasselbe, würfeln die Wörter auf ein neues zu abertausend verschiedenen Formulierungen und nennen jedes auf diese Art zusammengestellte Buch: Neu.
Sie betrügen sich selbst und merken es nicht.
In dem sie Worten verschiedene Qualitäten andichten, wollen sie zeigen, dass es wahre Worte gäbe und falsche, dass man sie ordnen könne, mit ihnen die Welt erklären, dass es ohne sie nicht ginge.

Und wenn ein Buch sich besonders oft verkauft, dann nennen sie es "Bestseller", denn sie schämen sich nicht, stolz darauf zu sein, ihre Worte besonders gut verkauft zu haben.
Auch deshalb wird mir übel von den Büchern und ich stelle mir zur Beruhigung vor, wie ich sie alle verbrenne. Das Feuer wüsste schon mit ihnen umzugehen, auf den Scheiterhaufen mit den Betrügern, denke ich mir. Ihr habt uns mit uns selbst betrogen. Und es scheint mir unvorstellbar, dass ich einst eine fanatische Anhängerin der Worte gewesen war. Es treibt mir jedesmal aufs neue die Schamesröte* ins Gesicht.

Wenn ich einem Jünger der Worte nur eine Frage stellen dürfte, dann wäre es diese:
Inwiefern haben die Worte die Welt besser gemacht?

Niemand hätte darauf eine Antwort!

Vielleicht würde jemand sagen: Aber ohne sie hätte sich die Menschheit niemals entwickeln können. Wir wären niemals das, was wir jetzt sind, ohne die Worte.

Dann würde ich nur traurig mit dem Kopf nicken und: "Ebend!" sagen.

Ein anderer würde vielleicht meinen, es sei Teil unserer Zivilisation und Kultur. Und ich würde antworten, dass nur durch sie Manipulation möglich geworden ist und anderlei Machtspielereien. Wenn ich guter Laune wär, würde ich noch hinzufügen: Auch der Größenwahn ist erst durch die Worte möglich geworden.

Und vielleicht würde ein ganz schlauer bemerken, dass ich ohne sie, ja gar nicht mit ihm reden könnte. Daraufhin würde ich lachend sagen: Da siehste mal, zu was für Schandtaten sie fähig sind!
Sie zwingen sogar jemanden wie mich, sie zu benutzen, in dem sie uns andere Sprachen vergessen machten. So kann ich nur auf dieser Ebene zu dir reden, da du nur so verstehst.

Es ist nicht leicht, in einer Welt zu leben, in der du dir deine Glaubwürdigkeit schon alleine dadurch verspielen musst, in dem du genau auf die Mittel zurückzugreifen gezwungen bist, die du anklagst. Daran sieht man, wie verrückt das alles ist!

Allein meine Berufung zur Klofrau hält mich davon ab, wahnsinnig zu werde. Dort muss ich nicht reden. Ich nicke den Menschen einfach nur zu, damit sie nicht auf die Idee kommen, sie könnten kacken gehen, ohne mir danach Geld ins Tellerchen zu werfen. Auch sind die Menschen dort nicht gesprächig. Das ist mein Glück. Der Gedanke, dass sie ihr niederen Bedürfnisse nicht durch alle Worte der Welt werden ablegen können, beschämt sie und lässt sie schweigen. Vielleicht können die Menschen mit berstenden Blasen und drängendem Stuhlgang, mich am ehesten verstehen.

Ich will es nicht leugnen: Auch Kant trug dazu bei, mich zu erleuchten, als er schrieb, dass der Verstand herrschen solle und dass man die kleinen Kinder schon von Anfang an, ans sitzen und lernen gewöhnen solle, ihnen toben, spielen und andere Unsinnigkeiten schon ganz früh austreiben müsse, sonst würden sie nie vernünftig werden. Er meinte weiter, dass die wilden Völker näher an den Tieren seien und belegte sein Forderung nach frühem Lernen beispielhaft, indem er auf die Wilden verwies,   die selbst wenn sie uns Weißen schon Jahre dienten, sich dennoch nicht an unseren Lebensstil gewöhnen könnten. 
Da erkannte ich den Wahnsinn in seinen Worten und konnte ihn auch bald in allen anderen sehen.

Eines sei noch zum Abschluss gesagt: 
Ich werde niemandem das Wort verbieten können, noch habe ich wirklich vor, Bücher zu verbrennen. Aber ich werde ein ehrenhaftes Leben als Klofrau führen und schwöre feierlich, dass ich nie ein Buch schreibe werde, solange ich lebe!

* Mein Rechtschreibprogramm untermalt "Schamesröte" als Fehler und schlägt "Schaufelkröte" anstatt dessen vor!

Freitag, 18. November 2011

Omar Offendum - The Arab Speaks of Rivers


Und plötzlich höre ich wieder, wie schön arabisch klingt. Und es wird mir klar, wie sehr ich mich die Vorurteile beschämten, die man gegen Araber hat, wie sehr ich sie mir zu eigen machte, bis ich die Sprache nicht mehr mochte, die ich einst als eine der schönsten betrachtete.

Mittwoch, 16. November 2011

Rafeef Ziadah - 'We teach life, sir' Oder:



Ich lasse das Video jetzt so stehe. Jeder möge es selbst anhören. Nur den Hinweis, wie sehr sich einiges ähnelt. Die Namen ändern sich. Doch das Unrecht bleibt immer das gleiche. Und es ändert die Menschen, die es erfahren. Es trennt sie vom Rest der Menschheit.Wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht oder jemanden eines machen will, der es wirklich gebrauchen kann: http://www.cdbaby.com/cd/RafeefZiadah.

Wie sollen wir Leben lernen?
In Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften gibt es ein Seminar, das "Literarische Repräsentationsformen des Holocaust" heißt und das man wählen kann.
Gelesen haben wir etwas von H. Arendt, B. Bettelheim, Dori Laub und gerade: Primo Levi´s "Ist das ein Mensch?". Bis dahin konnte ich alles lesen, auch wenn ich teilweise nicht verstehen konnte, was ich da las. Auf ein ähnliches Problem gehen die Autoren auch ein. Sie nennen es "Zeugnis ohne Zeugen". Da das Erlebte außerhalb des für den Menschen verständlichen liegt. Weil der Zeuge entweder nicht darüber sprechen kann oder tot ist.

Ich weiß noch nicht einmal genau, was ich darüber denke. Ich lese, mein Kopf versteht, redet von psychologischen Mechanismen und anderem unbrauchbaren Zeug. Etwas anderes aber ist nicht fähig weiterzulesen, bin ich plötzlich die Verstehende, die nicht versteht. Und ich habe nun doch eine Ahnung, was sie meinen mit "Zeugnis ohne Zeugen".
Der allerunverständlichste Text, den sollten wir zu heute lesen. Er stammt von Höß selbst. Sein Bericht über die Konzentrationslager. Wie er versucht hat, sie gut zu führen. Wie schwer das war. Wie er die verschiedenen Insassen beschrieb. Wie er sie in den Tod schickte. Wie er sie eben nicht entmenschlichte und trotzdem von der Notwendigkeit des Mordes überzeugt war.
Ich kann kaum in Worte fassen, wie schwer es mir fällt zu lesen, was er schreibt. Einsehen zu müssen, dass das ein Mensch war, der das schrieb, der Gefühle hatte und sogar ein Herz. Auch hier versucht meine Ratio, sich seiner analytischen Fähigkeit bewusst, zu interpretieren: Aha. Chronischer Drang der Schuldverschiebung. Interessant.
Aber der andere Teil, der, der das nicht verstehen kann, schreit: Schnauze!
Und ich lese weiter.
An der Stelle, an der er berichtet, was die Frauen mit ihren Kindern als letzte Worte gesagt haben, wie sie "voller Stolz" (seine eigenen Worte) in die Gaskammern gingen, ihre Kinder beruhigend, breche ich zusammen. Jedenfalls etwas in mir. Und ich fange mitten in der Bibliothek an zu weinen und weiß, wenn ich jetzt weiter lese, dann fange ich an zu schreien und mich vor und zurück zu wiegen. Ich lege es beiseite. Man verlangt auch von uns, unser Herz hart zu machen. Damit wir die Welt verstehen können. Damit wir uns wappnen können. Und wenn wir Glück haben: Damit wir lernen können.

Der aber, der versteht, was möglich ist auf der Welt und sieht, was schon geschehen ist, wie soll er weiterleben? Geschweige dann der, der es selbst erlebte?

Schrotthaufen, Riesenwürmer und Stranger

Sie war wieder in der alten Wohnung. Die, die im Erdgeschoss lag, die mit den Außenjalousien. Dort hatte alles begonnen. War diese Station ihres Lebens unausweichlich aus ihrer Vergangenheit hervorgegangen? So schien es ihr. Damals hatte sie keine anderen Wege gesehen. Und war nicht ihr jetziges Leben der Versuch, die Scherben wieder aufzusammeln und zu einem sinnvollen Bild zusammen zu legen? Sie suchte immer noch nach dem Stück, das neues Licht ins ganze brachte, das ihr erklären konnte, warum alles so kommen musste. Irgendwas, das sie entlastete, das sie mit sich selbst versöhnen könnte, ihr erklärte, dass sie gar nicht anders hätte handeln können und sie nun besonders verständnisvoll mit sich sein musste, sich selbst verzeihen und endlich weiter leben.


Sie war also wieder in dieser Wohnung, wo alles begann. Warum genau wusste sie nicht mehr, aber sie schaute mit einem mal heraus. Dort war der Balkon. Vor dem Balkon lag ein Schrotthaufen. Und aus diesem schwarzen Schrotthaufen krochen, nein schlängelten sich schnell Würmer mit zwei Köpfen; einen vorne, den anderen hinten.
Es waren Riesenwürmer. Fast hätten es Schlangen sein können. Aber sie war gedrungener als Schlangen und hatten zwei Köpfe. Deshalb waren es Würmer. Und sie erinnerte sich, diese Würmer damals noch klein und nur mit einem Kopf, beim umgraben der Erde vor dem Balkon, gesehen zu haben. Dort hatte sie einst Blumen gepflanzt. Es war das einzige gewesen, das damals noch bunt gewesen war.
Und sie erinnerte sich, dass am morgen zwei Polizisten da gewesen waren, um sich über die Würmer und den Schrott zu beschweren. Da hatte sie noch nicht verstanden, was sie überhaupt meinten. Und so waren sie wieder gegangen.
Nun sah sie die Würmer und auch wenn sie schon eine ganze Weile da gewesen sein mussten, um so groß werden zu können, bekam mit einem Mal Panik, dass sie in die Wohnung kriechen konnten. Schnell ließ sie die schweren Jalousien herunter. Sie war sich nicht sicher, ob die Jalousie unten auch die Würmer abhalten würde. Und kaum hatte sie das gedacht, versuchte einer der Würmer hinein zu kommen. Sie verjagte ihn mit Geräuschen, als handelte es sich um ein wildes Tier. Und sie schloss die Jalousie noch ein Stück.
Sie fragte jemanden im Haus, ob Würmer zum Licht kriechen oder nicht doch eher das dunkle bevorzugen. Sie bekam keine Antwort und sagte sich selbst, dass Würmer sich am wohlsten in dunklen Schrotthaufen fühlen würden. Und sie war verzweifelt, weil sie den Schrotthaufen allein nicht entsorgen konnte.



Dienstag, 15. November 2011

Wer sind wir, da wir vergessen.

Sie sah auf sich herab und sah ganz deutlich das kleines Mädchen, wie sie die Augen zumachte, dabei die Füße von unter dem Tisch hochziehend, fest hoffend, dass die Geister, die sie verfolgten, sie nun nicht mehr sehen konnten. Schon damals war es nur eine Hoffnung gewesen, nie ein Glaube und schon gar keine Überzeugung.
Und obwohl ihr das Mädchen gut bekannt war, fehlte ihr die Verbindung zu der, der sie heute war. 
Wie ist das passiert?- stand als offene Frage im Raum, in dem es immer zog. 
Es war unmöglich!
Wieder ein Ding mehr, das sich weigerte, von der Seele verstanden zu werden. 
Und auch wenn man verstanden sagte, hatte der Verstand damit nichts zu tun. Der wusste zwar die Antwort, war begierig, den Faktor Zeit in den Raum zu werfen. Du bist ein Wesen in einem Kontinuum, wollte er sagen. Du bist das kleine Mädchen plus die gesammelten Erfahrungen. 
Aber die Seele schüttelte den Kopf und meinte, noch nie etwas irrationaleres gehört zu haben. Du wiederlegst dich selbst, sagte sie und war traurig, weil sie dem Verstand nie würde erklären können, was er nicht in der Lage war zu verstehen, nämlich dass es ganz und gar unvorstellbar war, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt dieses kleine Mädchen gewesen sein sollte, dass das Mädchen nur eine Erinnerung in ihrem Geiste war. Fotos und dazu kleine Geschichten, von denen sie oft nicht mehr unterscheiden konnte, an was sie sich wirklich noch erinnerte und was sich heimlich durch Erzählungen ihrer Mutter in ihre Erinnerungen geschlichen hatte. 
Die Lücke ist zu groß, wollte sie sagen. Es ist wie im Schlaf, wenn wir träumen und dann vergessen, was wir träumten. Wenn wir nur noch vernebelte Fetzen erinnern und das Wissen, dass wir träumten. Wie erklärst du dir das Vergessen? Wer sind wir, wenn wir vergessen? Wie viele sind wir? Sind wir überhaupt? All das wollte sie fragen, aber sie hatte Angst vor dem Verstand als verrückt zu gelten. 
Manche Wahrheiten stellt man nicht in Frage.

Montag, 14. November 2011

Freitag, 11. November 2011

Ruth Klüger über elektronische Zeiten

So rational wie ich sie mir vorgestellt habe: Ich durfte Ruth Klüger begegnen!!
Sie ist vor ein paar Wochen 80 Jahre alt geworden, wirken tut sie um viele, viele Jahre jünger. Eine Verbindung kann man (ich) nicht zu ihr aufbauen. [Ich glaube,] Sie ist nicht der Mensch, der sich mit anderen verbinden möchte oder kann. Das hatte ich auch nicht erwartet. Sie schützt sich. Vielleicht flüchtet sie sich auch, in die Bücherwelt, denn sie bekennt offen, dass sie lesesüchtig ist. Es gibt Süchte, die kann man erhobenen Kopfes eingestehen, Lesesucht gehört wohl dazu. Wir glauben nicht wirklich, dass man es mit der Intellektualität übertreiben kann. Genauso verhält es sich übrigens bei der Sportsucht, aber das ist ein anderes Thema.

Doch- für mich kann man es übertreiben. Wie schon vorher erwähnt, gruselt es mich mittlerweile vor der gefühlten Nähe, die die literarische Welt allzu leicht aufbaut. Netze, in denen wir uns verfangen können, wenn wir uns dem wirklichen Leben nicht mehr gewachsen fühlen. Die Flucht vor der Körperlichkeit unseres Menschseins, nur weg von jeder Verantwortung die echte Zwischenmenschlichkeit fordert: Es ist so verlockend. Und ich weiß, dass die Geschichte auf blütenweißem 2D so viel sicherer und oft auch schöner erscheint. Ich schreibe das nicht, um irgendjemandem ein schlechtes Gefühl zu machen, noch um zu urteilen. Ich bin selbst eine anonyme Vergeistigte.

Wäre nicht die Einsamkeit, die immer wieder an mir zehrt und mir zeigt, dass das Gefühl nach Nähe nicht so befriedigt werden kann, auch wenn es zuerst so scheint. Vielleicht ist es damit ähnlich wie mit der Sexualität: Selbstbefriedigung kann unter Umständen intensiver sein, aber klingt lange nicht so in einem nach wie ausgelebte Sexualität mit einem Partner.

So sind auch die Geschichten in den Büchern, in die wir uns entführen lassen, eine Art Ersatzbefriedigung für unsere eigenen Geschichten.
Solange wir unser Leben führen, noch unsere Wirklichkeit fühlen, ist dabei auch kein Problem. Für mich wird es dann erst zu einem, wenn das Fiktive sich zu sehr mit dem Realen vermischt..aber das hatten wir schon.

Ich kenne Ruth Klüger kaum. "Nur" durch ihr Buch "weiter leben", in dem sie mir oft sehr nahe war und ich die ganze Zeit hindurch Verständnis und Liebe für sie empfunden habe und ich mir mir sogar dieses Gefühl bereitwillig von ihr zerschlagen ließ. Ihr Geschichte lässt keinen Raum mehr für romantische Schwärmereien oder Sentimentalitäten jeglicher Art.

Die Person vor mir ist die, die das Buch geschrieben hat. Sie ist es, die das alles erlebt hat, erleben musste. Sie ist aber nicht dieselbe, die ich in dem Buch begleitet habe. Wir bilden uns immer einen Helden, der unseren eigenen Vorstellungen entspricht. Das meine ich überhaupt nicht aufs äußere bezogen.

In dem Gespräch, das an der Fu stattfand, ging es aber gar nicht um ihre Lebensgeschichte, auch nicht um ihr Wirken als Literaturwissenschaftlerin, sondern um E-Bücher.
Ruth Klüger bekannte sich nicht nur als süchtige Leserin, sondern zudem als süchtige E-Buchleserin und prophezeite pragmatisch, dass diese Entwicklung, ganz wie die von der Papyrusrolle zum gebundenen Buch nicht mehr aufzuhalten sei.

Ein pro Buch Argument, nämlich dass Bücher auch ein Teil des Inventar seien und Gästen präsentieren, wie belesen man ist, die private Bibliothek also als intellektuelles Statussymbol gesehen wird und anscheinend sogar als Teil seiner eigenen Persönlichkeit gewertet wird, konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen, auch wenn ich das Eingeständnis diesen eitlen Motivs durchaus charmant fand. Den größten Teil der von mir konsumierten Bücher gehören der Bücherei. Viele habe ich geborgt und genauso viele verschenkt oder verborgt (und nie wieder bekommen).

Den Einwand, dass das ästhetische Leseerlebnis ein ganz anderes ist, konnte ich zwar nicht wirklich bestätigen, da ich so ein E-Buch noch nie in der Hand hatte, aber in Gedanken jedoch apriori sozusagen nachvollziehen. In einem Buch verschmelzen Inhalt mit den Seiten fast auf magische Weise. Jede umgeblätterte Seite markiert das Fortschreiten der Geschichte und hilft uns den Verlauf in uns aufzunehmen. Etwas entwickelt sich. Und wir uns mit ihm. Letztendlich verbinden wir unser Lesegefühl mit den gelesenen Seiten und vielleicht kann ich zumindest hier ansatzweise nachvollziehen, warum manche in ihrem Buch etwas persönlichkeitsstiftendes sehen, es steht symbolisch für die in ihm vollzogene individuelle Entwicklung.

Reinschreiben kann man in ein E-Buch auch nicht. Und nach Jahren wieder zur Hand nehmen und die Anmerkungen Revue passieren lassen, ebenfalls nicht.
"Es ist nicht aufzuhalten!", sagt Ruth Klüger ungerührt und ich finde ihre Ruhe bewundernswert. Ja- es werde den Leser ändern, es wird ihn oberflächlicher machen, aber so ist es. Vorteile-Nachteile, hin oder her.

Und so ist es wohl. Wir werden [noch] allgemeingebildete, reizüberflutete, oberflächliche Menschen werden, deren Horizont im bestenfalls weit geöffnet ist, die aber keinen wirklichen Standpunkt mehr vertreten, weil er schon wieder vorbei ist, schon wieder an einem anderen Ort. Das Neue wird unsere Religion sein.

Und wenn wir uns wehren? Dann werden wir Probleme haben, Menschen zu finden, die ihrer eigenen Geschwindigkeit treu bleiben wollen, die eben nicht meinen, dass der Mensch sich von heute auf morgen evolutionär verändert und nun einfach mehr Kapazitäten hat als die von früher.

Aber auch hier wendet Ruth Klüger ein, dass wir dem Pferd ja auch nicht hinterherweinen. Wenn ich ehrlich bin: Ich schon. Ich stehe dem Modernen immer noch eher ablehnend gegenüber (Nein- ich will meine Waschmaschine trotzdem nicht umtauschen.) Ich will ein langsameres Leben*. Eines, in dem ich durch das gemächlich,stetige Voranschreiten der Zeit, zum Rhythmus des Lebens tanzen lernen kann. Weise werden, könnte man auch sagen. Die Weisheit verschwindet, ohne dass wir es merken, weil wir sie nicht mehr kennen und wir ersetzen sie in der Philosophie mit analytischer Scharfsinnigkeit und in der Psychologie mit neuro-biologischen Erkenntnissen. Und im Leben? Dort setzen wir einfach andere Prioritäten: Weisheit ist überbewertet.

Es sei nicht aufzuhalten, sagen auch andere. Und doch ist es erstaunlich, wie viele Studenten sich leidenschaftlich gegen das E-Buch ins Zeug legen, es als einen amerikanischen Hype bezeichnen, den es aufzuhalten gilt. Warum gerade beim E-Buch, frage ich mich am Ende der Diskussion? Die Mehrheit im Saal tut so als würde sie nicht ziemlich viel Zeit vor dem Pc verbringen und dauernd auf ihre Handys/Blackberrys/I-phones schauen.
Es scheint, dass das Buch, das letzte Überbleibsel einer alten Welt darstellt, an das man sich gerne klammert.

Deshalb wird nicht zur Kenntnis genommen, dass das E-Buch eine Möglichkeit für weniger Vermögende ist, an Bücher zu kommen.
Fazit: Allgemeine Ablehnung dem E-Buch gegenüber, trotz Ruth Klügers Plädoyer.

Am Ende traue ich mich!- mit Zuspruch von anderen- nach vorn zu gehen, und um eine Signatur zu bitten. Sie schreibt sie mit einem Blitzen in den Augen. Schreibt sogar: Für Miriam. Ich sage- aber zu leise: Das hätte mit einem E-Buch nicht funktioniert.
Der Augenblick ist vorbei. Ich hatte auch nicht den Anspruch gehabt, gesehen zu werden. Wer bin ich im Vergleich zu ihr?
Sie ist ein anderer Mensch, aus einer anderen Generation. Sie hat so vieles überlebt. Und sie hat mit dem Neuen Frieden geschaffen. Sie hat einen Weg gefunden zu leben. Wodurch und in was, liegt nicht bei mir zu urteilen.

Ich habe einen klitzekleinen Ausschnitt Ruth Klüger erlebt!
Das war am 10.11.2011. [Wie zu Erwarten blieb alles ruhig am 11.11.2011, auch wenn ich immernoch die Wahl habe ihn zu einem Abenteuer zu machen.]

Donnerstag, 10. November 2011

Kurzes

Fremdsprache
Die Uni hat ihre eigene Sprache und ich fühle mich wie in die Zeit mit drei Jahren herum zurückgeschleudert. Vielleicht deshalb auch die anfängliche Benommenheit. Hier zeigt sich allein in der Sprachfähigkeit der Erstsemestler, wer aus elitär-akademischem Elternhaus stammt und wer eben nicht. Die Ständeunterschiede werden nicht äußerlich sichtbar, jedoch sobald derjenige den Mund aufmacht. Und wo ich mich einst gut ausdrücken konnte (im Vergleich zu den anderen, immer im Vergleich zu den anderen), lege ich nun selbst höhere Maßstäbe an und nehme neue Wörter auf. Manchmal sind welche dabei, die ich schon länger gesucht habe. Akademische Sprache bedeutet im besten Fall die Möglichkeit einer inhaltlichen Komprimierung und Spezifizierung einer Aussage und im schlechtesten, kryptologische Verschlüsselungen, die anderen Inhalte unzugänglich machen.

Kindersprache
Mika:
"Ich habe Tante Maryam winken gehört!", sagt mein kleiner Neffe, nachdem er mich auf einer Hauptstraße im auf der Gegenseite fahrenden, abgedunkelten Bus wild winkend entdeckt hat.

Ali: Papa kümmert sich nicht, aber ihn habe ich auch lieb, weil er auch mich geschaffen hat. Wäre es ein anderer Papa gewesen, dann wäre auch ich ein anderer. Dann gäbe es mich nicht und du hättest andere Kinder, die du dann lieber hättest, weil du uns ja gar nicht kennst.

Mittwoch, 9. November 2011

Kollektiver Schmerz

Kein Schmerz vergeht, ohne dass wir nicht alle davon getroffen wären, selbst wenn wir nicht betroffen sind. Selbst, wenn wir die Geschichten nicht kennen. Ein Leidender mag sich allein und isoliert fühlen. Und selbst, wenn er es ist, hinterlässt er allen seinen Schmerz. Selbst wenn er nicht mehr ist, hinterlässt er uns sein Leid. Wir sind verbunden: Verbunden durch das Blut, das in uns fließt. Durch das, was an unseren Händen klebt. Es mag keine kollektive Schuld geben- oder auch überhaupt keine- aber es gibt die Nabelschnur unseres menschlichen Kolletivs, die wir nicht durchschneiden können.
Wir können sie nur ignorieren und meinen, nichts dergleichen zu spüren.

Aber doch- ich glaube, es wäre ein Frevel sie zu leugnen. In jeder Freude, die ich empfinde, klingt immer die Trauer mit, die andere empfunden haben, das Grauen, das andere ertragen mussten. Dinge, die ich nie und nimmer ertragen könnte, streifen mich als Hauch einer Ahnung. Sie sind um mich herum, die Geister der Unschuldigen. Unrecht ist etwas, dass die Zeit sich weigert mitzunehmen. Es bleibt. Eine unsichtbare Altlast, die niemand zu entsorgen vermag. Und so bleibt jeder Augenblick, in denen ich Frieden fühle, einer in dem ich bereit bin, auch die Trauer der Welt in ihm aufzunehmen. Vielleicht zieht das Glück deshalb so an der Seele. Und vielleicht suche ich deshalb etwas im Schmerz, versuche mich dem zu nähern, dem ich nicht entgehen kann.

The Way You Are - David Choi & Kina Grannis

An einen. Abschied (erster Versuch)

Heute lasse ich dich frei. Du hast es schon oft versucht. Ich weiß es, ohne zu wissen. Gefühlt habe ich es. Und so weiß ich, dass du mich nicht mehr liest. Mein Blatt bleibt leer. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, ich habe alles nur geschrieben, für einen Menschen wie dich?

Und ich weiß, dass du mich meidest zu lesen, aber dein Herz ist noch bei mir und dein Versuch, nicht mehr an mich zu denken, es nur noch schlimmer macht.
Grausam ist der, der sagt: Aber liebe mich nicht! Denn schon dadurch hat er sich einen Platz gesichert.

Und so sicher wie wir es nicht schaffen an den rosa Elefanten zu denken, wenn man es uns sagt, so befiehlst du dir, nicht mehr an mich zu denken und so rutsche ich immer tiefer in dich hinein. Auch ich denke an dich und wünsche mir, dass ich in dir einen Platz habe. Sag, ist das nun echt oder falsch?
Oder ist die Frage schon falsch gestellt. Du musst Geduld haben mit mir. Bitte. Halte mich nicht für dumm,  weil ich keine Kommasetzung kann. Ich werde es lernen. Auch die ganzen Namen, der Helden unseres Menschengeschlechts und ihre Geschichten, ich werde sie lernen. Und auch die Namen der Begriffe, die ich noch nicht kenne. Du weißt doch, dass meine Art klug zu sein eine andere ist.

Nun aber lasse ich dich los, gebe dem Gefühl von dir die Freiheit. Du darfst deine Wege gehen und du gehst ihn ohne mich. Meinen Segen im Rücken. Ich bin keine Rachegöttin. Gehe- und gehe in Frieden!

Montag, 7. November 2011

07.11.2011

Es gibt Tage, die sollte man festhalten. Dieser ist so einer. Es ist der 07.11.2011, nicht etwa der 11.11.2011, der zwar noch aussteht, aber schon jetzt fast unter der Last, der aufgrund seiner fast kompletten Einsensität an ihn gestellten Erwartungen zusammenbricht.
Für mich ist es also der 07.11.2011, der mit der-so hoffe ich- berechtigten Hoffnung begann, dass der kleinste nun auch in das Zeitalter der Vernunft eingetreten ist, mit fast 10 Jahren.
Vernunft sei hier auf ein Minimum reduziert zu verstehen, nämlich als Bereitschaft einzusehen, dass man ein Grundmaß an Pflege braucht und dass es Dinge im Leben gibt, die keinen Spaß machen, aber dennoch getan werden müssen. Es war wohl das Fernsehen, das diese Einsicht gefördert hat, genauer: Galileo. Dort stellte sich ein Paar bereit, sich eine bestimmte Anzahl von Tagen nicht zu waschen, auch nicht Zähne zu putzen. Ärzte überprüften die Resultate, die A. anscheinend schwer beeindruckt haben. Sätze wie: "An Pilzinfektionen sind die Menschen früher gestorben, übersetzte A. mit: "An Nicht-Waschen kann man sterben." Ich erkläre ihm natürlich, dass das nicht zu erwarten sei, aber das Waschen und Zähne putzen wirklich wichtig seien und man sich danach doch auch wohl fühle. Erstaunlicherweise stimmt er mir aber zum ersten Mal zu und macht nun ganz ohne Zwang mit. Was für eine Erleichterung!

Solcherlei beschwingt, gehe ich vor der Uni zu Fielmann*, um meine Augen testen zu lassen, da ich durch das viele Lesen Kopfschmerzen bekam und irgendwie fast schon erwartet hatte, dass die Fielmann-Frau die Hände über den Kopf schlägt und ausruft: "Na-sie sind ja fast schon blind! Ein Wunder, dass sie überhaupt lesen konnten!" Aber nichts dergleichen. Sie bestätigt mir fast 100% Sehkraft und meint, weder weit noch fern sei eine Brille sinnvoll. Nach erster vollkommen unsinniger Enttäuschung, spüre ich dann im Bus die Erleichterung und Freude! Ich habe tolle Augen! Danke ihr Augen, dass ihr immer noch so klar sehen könnt.

Wie immer, die letzten Tage, scheint die Sonne golden in den Bus und ich lege meine Papiere beiseite, um sie genießen zu können. Wie ist es schön, in der Sonne im Bus zu sitzen und nichts tun zu müssen, als die Fahrt zu genießen.
Beim Umsteigen, denke ich doch tatsächlich daran, den Brief für C. einzuwerfen, so wie ich heute morgen daran gedacht habe, die Adresse endlich herauszusuchen und ihn zu frankieren.

Im zweiten Bus ruft mich Monika an und fragt, ob ich beim diesjährigen Gottesdienst der Religionen der Welt wieder teilnehmen wolle. Und wie ich will! Endlich darf ich wieder "singen" und die Atmosphäre von Menschengeistern genießen, die sich- um es plump zu sagen- der Liebe und der Versöhnung verschrieben haben. Auf Jalda freue ich mich besonders.
In der Uni treffe ich- nein, trifft mich- mein[en] Cousin, was zwar weder ein wirklicher Zufall noch eine große Überraschung ist, aber dennoch eine besondere Freude.

Zu Hause angekommen, nehme ich Briefe in die Hand, die ich übersehen hatte [sie lagen unter einem Karton]. Dort befindet sich ein Brief der Brentano-Gesellschaft mit der Mitteilung, dass sie mein Gedicht in die Winter-Edition mit aufnehmen! Er ist schon älter, heute wäre der letzte Tag gewesen, Fehler zu korrigieren. Glücklicherweise gibt es aber nichts zum korrigieren.- Wer hätte das gedacht! Ich hatte wirklich nicht mehr mit einer Antwort gerechnet. Es ist das erste und einzige Gedicht, das ich irgendwo eingeschickt habe. Der Brentano-Brief ist ganz feierlich und stellt es als Auszeichnung da, die ich weder bestreiten noch bestätigen kann, denn ich habe keinen Eindruck davon, wie viele Gedichte sie da annehmen und was ihre Kriterien sind. Nichts desto trotz freue ich mich sehr.
Berlin, den 07.11. 2011, zunehmender 4/6 Mond: Ein schöner Tag!

*Es ist genau die Filiale, in dessen Fensterfront sich der Bus spiegelt!

Sonntag, 6. November 2011

Damenreizende Blümchenbluse

Meine Blümchenbluse in Kombination mit der lilalen Wollstrickjacke scheint eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf reizende, ältere Damen zu haben. Anders kann ich es mir kaum erklären, dass ich gestern von zwei verschiedenen angesprochen wurde. Die erste schaute auf dem Busplan, neben dem ich stand und meinte: "Vielleicht habe ich ja Glück und der nächste fährt nach Krumme Lanke. Der fährt doch immer abwechselnd nur nach Lichterfelde Ost. Und dann noch mit dem 107*1. Eine Weltreise ist das immer. Furchtbar!" Ich antwortete ihr, dass sie laut Plan Glück habe, denn der nächste soll nach Krumme Lanke fahren. Dann saßen wir zusammen und hielten nach dem Bus Ausschau, der um eine solchermaßen zugebauten Ecke zu biegen hatte, dass man ihn erst sah, wenn er denn schon da war. Sie zeigte auf die Glasfensterfront von Fielmann, die gegenüber auf der anderen Straße lag und sagte: "Dort kann man ihn vorher sehen. In der Spiegelung." Und ich lachte und sagte:" Das ist ja ein toller Trick!" Woraufhin sie sagte: "Den hat mir letzte Woche eine Frau verraten!" Wir fanden das beide schön und schauten gemeinsam auf die Fenster von Fielmann. Da war der Bus, genauer gesagt: das Spiegelbild des Busses, der gleich um die Ecke biegen würde. Sie stand auf und wünschte mir einen schönen Tag, den ich ihr ebenfalls wünschte.

Die zweite Dame schloss gerade ihr Fahrrad an, als ich Lichterfelde Ost auf den zweiten Bus wartete und von einem singenden Mädchen mit Gitarre auf einem Klapphocker überrascht wurde, die sehr laut und auch recht gut sang. Ich schaute fasziniert zu dem Mädchen herüber, mein Kleingeld in der Tasche prüfend, da schaute mich die Frau lächelnd an und sagte: "Das muss man sich erst einmal trauen!*2" Und ich sagte: "Ja- ich bewundere diesen Mut sehr. Und singen kannse auch!" Sie nickte, wünschte mir noch einen schönen Tag und ich ihr auch.

*1 Busnummer frei erfunden, da ich sie vergessen habe.
*2 Der aufmerksamen Leser, wird das Puzzleteil erkannt haben, das ich zweimal benutzte. 

Verwundete Blätter

"Es gibt Blätter, die sehen ganz verwundet aus!", sagt er und seine Züge werden sanft. "Das muss man sich erst einmal trauen.", sagt sie. Sie sprechen leise. So dass sie sich selbst kaum verstehen. Ihre Ohren müssen näher rücken. Es gefällt ihnen, was sie hören. Woher hatte sie gewusst, dass er jemand ist, der inhaltsvoll ist? Letztendlich war es wohl die Art, wie er schrieb. Seine Schrift hatte ihn verraten: klein, gleichmäßig und gestochen scharf. Sein Blatt war ein Kunstwerk. Und sie unterdrückte den Wunsch, ihn zu bitten, ihr eines seiner Blätter zu schenken. Beim zweiten Mal, flüsterte sie: "Aber bitte schmeiße sie nicht weg!" "Was?", fragte er verwundert.
"Deine Blätter, die darfst du nicht wegschmeißen!", und ihr war durchaus bewusst, dass es jetzt eher ein Imperativ war. Er zog eine Augenbraue hoch und lächelte. Da wusste sie, dass er sich darüber freute.

"Dein Blatt sieht ganz verwundet aus!", sagt er und sieht sie an. Und er ist froh, dass er ihr vorher gesagt hatte, dass ihr Text ihm am besten gefallen hat. Später hätte sie ihm bestimmt nicht mehr geglaubt. Oft ist es der Augenblick, der über den Wert des Inhalts entscheidet. Sie ist auch froh. Er hatte verstanden, ohne dass sie etwas sagen musste. Ihre Augen treffen sich.

Sein Schweigen nach außen besteht ungebrochen. Sie ist die einzige im Raum, die weiß, dass es reife Sachen sind, die in seinem Schweigen ein zu Hause haben. Und sie erkennt durch zwei Umstände, dass sie selbst auch reifer geworden ist. Zum einen, weil sie ihn nicht drängt, sich preiszugeben, seine beeindruckenden Gedanken in der Welt zu manifestieren und zum anderen, weil sie nicht den Drang verspürt, sich ihm sofort zu verraten. Der Drang in ihrem inneren, sich erkennen zu geben zusammen mit dem Aberglauben nur dann hätte sie eine Chance, gemocht zu werden, schweigen beide.
Aber sie weiß ebenfalls, dass dafür nicht allein eine Entwicklung ihrer selbst verantwortlich ist. Es stimmt zwar, sie ist auch bei anderen zurückhaltender geworden, das jedoch war keinesfalls ein Garant dafür, dass sie bei einem Menschen, den sie mehr mochte, die Zurückhaltung nicht sofort über Bord warf; jeder Zeit bereit, sich in einem Atemzug zu verheizen.
Bei ihm ist es anders. Auch dafür ist sie dankbar. Er hat eine Art an sich, die sie ruhig werden lässt . Schon als sie ihn das erste Mal ansprach, war er zurückhaltend gewesen. Trotzdem wusste sie, dass er sich freute. Wie er ihr das gezeigt hatte, wusste sie nicht. Als er das nächste mal den Raum betrat, suchte er sie und sie winkte ihm zu. Seitdem fanden sie sich problemlos. Wenn die Zeit um war, gingen beide ohne Abschied auseinander. Und beim nächsten Treffen kannten sie sich ein bisschen besser.

Freitag, 4. November 2011

Tochter des "King of Falafel"

Sein Geruch haftet mir noch in den Kleidern, bekleckert bin ich auch. 


Da ich keine Wechselkleidung dabei hatte, musste ich so nach Hause fahren. Es war mir weniger unangenehm als gedacht. Was die Leute von mir denken und halten, wird proportional zum Alter immer unwichtiger.

Belohnt wurde ich in der S Bahn mit einem unglaublich schönen Wolkenhimmel, der immer so viel mehr als kondensiertes Wasser und Licht zu sein scheint. 

Ich war auf dem Rückweg vom Laden meines Vaters, ein falafelverkaufender*1 Dimplomingeneur, in dem ich geholfen hatte, weil es dort durch den Karneval der Kulturen, noch überfüllter als sonst war. 

Am Besten kann "The King of Falafel"*2 wohl mit berühmt-berüchtigt beschrieben werden. Wer Lust hat, kann sogar diverse Blogeeinträge über ihn im net (Mo´s kleiner Imbiss) finden. 

Mein Vater und seine Frau kommen mit der ganzen Arbeit kaum mit und ich bin schon nach den paar Stunden fertig, würde am liebsten sofort einschlafen, aber die Eindrücke sind noch so frisch und ich stand da, am Tomate schneiden, Falafel machen, abwaschen, Joghurtsoße anrühren, Apfel-Karotte-Orangensaft pressen, Nummern aufrufen (das wird gleich erklärt) und dachte mir, das willst du unbedingt aufschreiben, unbedingt sofort. 

Ich mag die Kunden meines Vaters, die meisten haben eine sehr sympatische Ausstrahlung. Darin ähneln sie sich so ziemlich alle. Trotzdem hat Fräulein Hobbysoziologin sie in drei Gruppen unterteilt:

Die Verängstigten
Mein Vater und auch seine Frau haben (ich kann es leider nicht anders ausdrücken) eine ziemlich schroffe Art mit den Kunden umzugehen: "Sie haben Nummer 15. Gehen sie raus und warten sie bis ihre Nummer aufgerufen wird!" Fragt ein unwissend, verwirrter Kunde nach, was das für eine Nummer sein soll, bekommt er zu hören: Gehen sie raus. Sie stören. Sie werden aufgerufen." Und der dazu passende Tonfall ist, naja sagen wir, autoritär. 


Es gibt eine Sorte Kunden, die dieses Verhalten total verunsichert. Sie benutzen gehäuft und wohl artikuliert "Danke" "Könnte ich vielleicht bitte.." "Entschuldigung..". Die Augen weit aufgerissen oder nach unten gerichtet, den Kopf demütig gesenkt, so als würden sie wirklich vor einem König stehen, den man gnädig stimmen muss, um zu den auserwählten Falafelempfängern gehören zu dürfen.

Ich frage mich, ob diese Leute vielleicht neben dem außergewöhnlich, leckeren Essen auch kommen, um sich in Kindertage zurück versetzen zu lassen. Auf jeden Fall scheint ihnen der Falafel noch leckerer zu schmecken, weil sie diverse Widrigkeiten ertragen mussten, um ihn zu bekommen. 


Die Amüsierten

Eine andere große Gruppe der Kunden kennt die Prozedur im Laden und ich glaube, dass sie die Show genießen. Sie grinsen sich gegenseitig verschwörerisch zu und lächeln die ganze Zeit. "Nummer 14? Aaah vielen Dank (grins), ich warte dann draußen!" "Wie? das Falafel-Thymian Sandwich ist Falafel im Brot ohne Falafel mit Thymian? Das ist ja geil!"

Ein Kunde ist mir dabei besonders ins Auge gefallen. Es war ein Tourist, kein Einheimischer, also auch keiner der Stammkunden. Er sah vielmehr so aus, als wäre er extra für Mo´s kleinen Imbiss nach Berlin gereist. Vielleicht wird ja mein Vaters Laden schon in Reiseführern erwähnt??

Er saß da und ich beobachtete ihn unauffällig, wie er alles beobachtetet. Jede Sekunde saugte er in sich auf, seine Augen schauten verwundert, amüsiert, voll konzentriert. Wenn der König der Falafel seine Königin anherrschte : "Immer stehst du da, wo ich stehe! Egal wo ich stehe!!" oder einen Kunden: "Waaas wollen sie? Jetzt nur die, die noch nicht bestellt haben! Sie haben bestellt? Warten sie draußen!!" oder auf die Frage, wie lange es noch dauert antwortet: "Das weiß nur Allah! Sie können sie gerne in der Zeit gegenseitig über ihre Vergangenheit oder Zukunft unterhalten.", dann leuchteten seine Augen, einerseits, als könnte er nicht glauben, wo er gelandet ist und andererseits, als hätte er vorher schon das Drehbuch gelesen. Ein wenig so, wie wenn ein Fan von Alice im Wunderland sich plötzlich wirklich in Alice im Wunderland wiederfindet.

Die Entsetzten

Dieser Kundenstamm ist sehr rar vertreten und es ist mir noch ein Rätsel, wie er sich überhaupt in den Laden verirrt: "Nummer 10?? Ich habe nicht Nummer 10 bestellt!!! Das ist ja wie auf dem Jobcenter!!
Wieeee...? Draußen warten???", begleitet von empörten Schnaufen und genervter Mimik. Als einer dieser Kunden, den Laden laut verließ, lachte einer der Amüsierten, die das Spiel schon kennen und meinte:"Der ist beleidigt." Ich dachte: Na, der kommt bestimmt nicht wieder...
Aber er kam. Fünf Minuten später war er schon wieder da, schaute mich verschwörerisch an, dann auf seine Uhr und seufzte. Die Frau meines Vaters beeindruckte seine Unruhe wirklich und sie fragte: "Haben sie es eilig?" Darauf er: "Na klar habe ich es eilig, den ganzen Tag habe ich es eilig!" Und dann sah ich es auch, er war ein Managertyp, der vor lauter Eile vergisst zu leben, bis er eines Tages von einem Herzinfarkt wachgerüttelt wird oder stirbt. Aber mal abgesehen davon, gefiel er mir ganz gut.


Nun bin ich mir sicher, dass das perfekte Geburtstagsgeschenk für meinen Vater einen Wartenummernautomat ist. 
[23.05.10]

*1 nicht irgendwelche Falafel, die besten Falafel!

*2 ich meine sowohl den Laden selbst, als auch seinen Besitzer (wobei ein Laden an sich ja eigentlich nicht berühmt-berüchtigt sein kann). 



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