Folgender Text spiegelt nicht meine absolute Meinung über Worte wieder, dazu liebe ich sie zu sehr, es wäre außerdem ungerecht und einseitig betrachtet. Aber eine kleine Klofrau wohnt schon in mir und nach einer Belehrung über semantische Aufstiege, Prädikatenprädikate und einem Text von Kant, der das Klo endgültig zum überlaufen brachte, schenkte ich ihr Gehör:
Meine Worte waren schon von Anfang an nie so groß, wie sie mir versprachen zu sein. So nahmen sie ziemlich schnell den bitteren Geschmack der Enttäuschung an, der sich jedoch eine ganze Weile unter dem Zauber ihrer Versprechungen zu verstecken wusste.
Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich als kleines Mädchen eine Wortfinderin werden wollte, wie ich voll verblendeter Zuversicht als Berufswunsch "Autorin" in die Poesiealben einschrieb.
Wie blind ich gewesen war, wurde mir glücklicherweise klar, als ich mich selbst, auf dem Weg des Lebens, mehr als einmal verlor. Erstmalig verlor ich dort auch den Glauben in die Worte. Ich klagte sie an. Ich spuckte ihnen ins Gesicht. Ich zeihte ihnen der Lüge. Ich mied sie. Ich machte sie verantwortlich und versteckte meinen Ekel nicht.
Wenn ich einmal in einen Bücherladen musste- aus allerlei verschiedenen Gründen, die hier nicht von weiterer Bedeutung sind- bekam ich Ausschlag und Brechreiz, beides auf einmal.
(Könnt ihr euch vorstellen, wie das ist, wenn man nicht zu entscheiden vermag, ob dem Jucken oder dem Erbrechen als erstes nachgekommen werden muss? So fühlte ich mich jedesmal.)
Dort, wo Wortleichen aufgestapelt wurden, in schöne Hüllen gekleidet, voll von Worten, die niemand brauchte und jedermann kaufte, um sich mit ihnen äußerlich wie innerlich zu schmücken, so wie andere Hirschköpfe an die Wände hängen und Leopardenfelle auf den Boden legen, kaufen unsere Menschen Bücher. Sie finden das schön. Sie nennen es Bildung. So fest glauben sie an die Zauberkraft ihrer ausgedachten Worte und glauben bis heute, dass sie eines Tages in ihnen wirklich noch etwas finden würden, was bisher unbekannt war; etwas, das Antworten und Lösungen enthielte.
Und deshalb schreiben sie immer wieder dasselbe, würfeln die Wörter auf ein neues zu abertausend verschiedenen Formulierungen und nennen jedes auf diese Art zusammengestellte Buch: Neu.
Sie betrügen sich selbst und merken es nicht.
In dem sie Worten verschiedene Qualitäten andichten, wollen sie zeigen, dass es wahre Worte gäbe und falsche, dass man sie ordnen könne, mit ihnen die Welt erklären, dass es ohne sie nicht ginge.
Und wenn ein Buch sich besonders oft verkauft, dann nennen sie es "Bestseller", denn sie schämen sich nicht, stolz darauf zu sein, ihre Worte besonders gut verkauft zu haben.
Auch deshalb wird mir übel von den Büchern und ich stelle mir zur Beruhigung vor, wie ich sie alle verbrenne. Das Feuer wüsste schon mit ihnen umzugehen, auf den Scheiterhaufen mit den Betrügern, denke ich mir. Ihr habt uns mit uns selbst betrogen. Und es scheint mir unvorstellbar, dass ich einst eine fanatische Anhängerin der Worte gewesen war. Es treibt mir jedesmal aufs neue die Schamesröte* ins Gesicht.
Wenn ich einem Jünger der Worte nur eine Frage stellen dürfte, dann wäre es diese:
Inwiefern haben die Worte die Welt besser gemacht?
Niemand hätte darauf eine Antwort!
Vielleicht würde jemand sagen: Aber ohne sie hätte sich die Menschheit niemals entwickeln können. Wir wären niemals das, was wir jetzt sind, ohne die Worte.
Dann würde ich nur traurig mit dem Kopf nicken und: "Ebend!" sagen.
Ein anderer würde vielleicht meinen, es sei Teil unserer Zivilisation und Kultur. Und ich würde antworten, dass nur durch sie Manipulation möglich geworden ist und anderlei Machtspielereien. Wenn ich guter Laune wär, würde ich noch hinzufügen: Auch der Größenwahn ist erst durch die Worte möglich geworden.
Und vielleicht würde ein ganz schlauer bemerken, dass ich ohne sie, ja gar nicht mit ihm reden könnte. Daraufhin würde ich lachend sagen: Da siehste mal, zu was für Schandtaten sie fähig sind!
Sie zwingen sogar jemanden wie mich, sie zu benutzen, in dem sie uns andere Sprachen vergessen machten. So kann ich nur auf dieser Ebene zu dir reden, da du nur so verstehst.
Es ist nicht leicht, in einer Welt zu leben, in der du dir deine Glaubwürdigkeit schon alleine dadurch verspielen musst, in dem du genau auf die Mittel zurückzugreifen gezwungen bist, die du anklagst. Daran sieht man, wie verrückt das alles ist!
Allein meine Berufung zur Klofrau hält mich davon ab, wahnsinnig zu werde. Dort muss ich nicht reden. Ich nicke den Menschen einfach nur zu, damit sie nicht auf die Idee kommen, sie könnten kacken gehen, ohne mir danach Geld ins Tellerchen zu werfen. Auch sind die Menschen dort nicht gesprächig. Das ist mein Glück. Der Gedanke, dass sie ihr niederen Bedürfnisse nicht durch alle Worte der Welt werden ablegen können, beschämt sie und lässt sie schweigen. Vielleicht können die Menschen mit berstenden Blasen und drängendem Stuhlgang, mich am ehesten verstehen.
Ich will es nicht leugnen: Auch Kant trug dazu bei, mich zu erleuchten, als er schrieb, dass der Verstand herrschen solle und dass man die kleinen Kinder schon von Anfang an, ans sitzen und lernen gewöhnen solle, ihnen toben, spielen und andere Unsinnigkeiten schon ganz früh austreiben müsse, sonst würden sie nie vernünftig werden. Er meinte weiter, dass die wilden Völker näher an den Tieren seien und belegte sein Forderung nach frühem Lernen beispielhaft, indem er auf die Wilden verwies, die selbst wenn sie uns Weißen schon Jahre dienten, sich dennoch nicht an unseren Lebensstil gewöhnen könnten.
Da erkannte ich den Wahnsinn in seinen Worten und konnte ihn auch bald in allen anderen sehen.
Eines sei noch zum Abschluss gesagt:
Ich werde niemandem das Wort verbieten können, noch habe ich wirklich vor, Bücher zu verbrennen. Aber ich werde ein ehrenhaftes Leben als Klofrau führen und schwöre feierlich, dass ich nie ein Buch schreibe werde, solange ich lebe!
* Mein Rechtschreibprogramm untermalt "Schamesröte" als Fehler und schlägt "Schaufelkröte" anstatt dessen vor!