Donnerstag, 30. Juni 2011

Heute zerschmettere ich dir die Träume!

Es ist die Leere in uns, die wir fürchten, mehr als alle Drachen dieser Welt. Diese Angst nicht geliebt zu sein, es nicht verdient zu haben, Liebe zu erfahren, und manchmal auch ein Gefühl, eine unheilvolle Vorahnung, eine schleichende Angst, die Liebe immer nur als etwas unerreichbares begehren zu können, am Ende unfähig zu sein, sie aufzunehmen, zu akzeptieren, unfruchtbar zu sein. 
Wie viel Krücken brauchst du? Ist eine der Fragen. 

Nein-ich erzähl dir heute nichts von Hoffnung. Ich werde dir nichts geben, was dir das Gefühl geben könnte, es lohne sich weiterzumachen; weigere mich, dich aufzutanken, um dir Kraft zu geben, den Weg noch ein Stückchen weiterzugehen, den Weg weg von dir. 
Du gehst jetzt zurück! Ausrufezeichen, das ist ein Befehl. 
Du stellst dich dir selbst! Schau hin, es holt dich doch immer wieder ein, wird immer schneller, als du sein.
Du willst eine Wegkarte? Wenn es weh tut, so richtig scheiß-weh, dann bist du auf dem richtigen Weg. Und wenn du wünscht du hättest einen Pause-Knopf, gerne auch Reset, dann dreh dich nicht um, verlass dich nicht.
Ich sag dir nicht, dass du stark bist, dass du es schaffst, alles wird gut.
Vielleicht schaffst du es, vielleicht auch nicht. Verdammt nochmal, ich weiß es doch auch nicht. Oder willst du lieber eine Lüge? Bei mir bekommst du sie nicht. Ich schalte dir deine Schnulzen aus, die dir erzählen, dass man dich auffangen möchte, wenn du nicht mehr weiter willst, dass da ein gemeinsamer Weg sei, den man zusammen gehen könntet. Du bist allein. Da ist kein Weg, und niemand, der dich zu tragen vermag. Willst du nicht irgendwann erwachsen sein? 

Und Hoffnung ist der Gegner, den du heute bekämpfen sollst, diese verlogene Hoffnung, die dich ewig in einer verhängnisvollen Dissonanz hält, dich weitermachen lässt, wo du längst aufgehört haben solltest, dir den Mut nimmt, die Richtung zu wechseln, für die es so lange schon Zeit gewesen wär. Wann hast du vor aufzuwachen? Hast du es überhaupt vor?

Ich zeige dir, wie dein Leben verlaufen wird, wenn du weitermachst, wie bisher: 
Du wirst älter werden mit jeden Tag.
Du wirst einige gute Tage haben und einige schlechte.


 In den schlechten, wartest du auf die guten und hältst das Leben aus oder säufst es dir schön, so als sei es nicht das einzige, was du hast, in diesem Leben, so als könntest du dir leisten, nur die guten Tage zu nehmen und die anderen wegzuschmeißen.




Und ob dein Tag gut wird oder schlecht, hängt davon ab, was dir draußen so begegnet. Hast du Erfolg, bekommst du eine Lohnerhöhung, geht deine Lieblingsserie weiter, kaufst die ein neues Buch/Hose/Schuhe, sagt dir jemand wie schön/klug/toll du bist, dann geht es dir gut. Geschieht das Gegenteil davon, dann war es ein schlechter Tag und du fühlst dich dementsprechend schlecht.
Hast du dich einmal gefragt, warum das so ist?


Weil du-und da sind wir wieder am Anfang-leer bist, ein Blatt im Wind der Gegebenheiten.

Du wirst also älter, jünger wirst du jedenfalls nicht, und du lebst immer entweder im Gestern oder Morgen-träumst von vergangenem oder kommenden; Carpe Diem steht nur auf deiner Kaffeetasse.

Und wenn du träumst, bist du fast glücklich, jede Chance vor dir wegzulaufen, hältst du für Glück und es gibt so viele Wege, unendlich viele Möglichkeiten!
Irgendwann ist dann deine Zeit abgelaufen, aufgebraucht und du merkst: Mist: Ich bin noch gar nicht, habe nur an mir vorbei gelebt und glaube mir, gegen diesen Schmerz gibt es keine Medizin, außer du  hebst die Hände und stellst dich-endlich.

Durch die Entfremdung, die dir schon in die Wiege gelegt wurde, sozusagen ein menschlicher Fluch, gibt es keinen anderen Weg als die Ent-Täuschung und jede Ernüchterung ist schmerzhaft. Die Lebenskunst besteht deshalb in der Tapferkeit, nicht wegzurennen vor diesem Gefühl, darauf zuzugehen, es zuzulassen und zu- darauf lasse ich dich- hoffen, dass du etwas entdecken wirst. 
Was es ist? 
Woher soll ich das wissen. 

Dienstag, 28. Juni 2011

Leiden schafft

Habt ihr euch schon mal gefragt, warum wir Verletzungen so viel intensiver wahrnehmen, in der Erinnerung abspeichern, als wundervolle Erfahrungen? Warum neigen wir dazu, all das Schöne als selbstverständlich zu betrachten, so als hätte uns jemand Glück versprochen, als ob es unser Recht wär und nur der Mangel ist es, der uns auffällt.
Sonst ist es doch selten so, dass Menschen überhaupt bemerken, was/wer fehlt. Sie hören/sehen/riechen/fühlen, was da ist, aber selten nehmen wir wahr, was abwesend ist. Warum also hier.

Und ist der Schmerz immer noch präsent, wie kaum etwas vergleichbares, weil die Wunde noch nicht verheilt ist oder ist es der Schmerz selbst, an den wir uns gewöhnt haben, den wir kennen - entgegen unserer bewussten Wahrnehmung- immer wieder suchen und so verdächtig leicht auch finden?

Betrachtet man das Wort Leidenschaft, so erkennt man leicht, dass es aus zwei Wörtern zusammengesetzt ist: Leiden und schafft; und bestimmt kennt ihr den Spruch über die Eifersucht, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.
Leidenschaft ist dabei sogar eindeutig positiv konnotiert, obwohl sie doch von ihrer Wortbedeutung doch- ausgenommen bekennende Masochisten- eher abschrecken müsste. Bei der Eifersucht kommt es auf das Maß an. Aber viele fänden einen Partner, der so gar nicht eifersüchtig ist, unbefriedigend, weil wir meinen, dass sie dort die Liebe zeige, wo wir Besitzansprüche stellen.
Das ist schon merkwürdig, oder? Oder doch einfach menschlich?

Samstag, 25. Juni 2011

Kleine Löffel-Geschichte

Bei Betrachtungen meiner Verletzungen aus Vergangenheit und Gegenwart, fällt mir jedes mal wieder auf, wie schwer oder unmöglich es ist, seine eigene Geschichte ins große Ganze einzuordnen, sich einerseits nicht narzisstisch selbst zu verlieren, sich andererseits aber auch nicht aufgrund von so viel schlimmerem Leid, selbst zu ignorieren. 
Denn es gibt immer unser subjektives Empfinden, das wird vor allem an dem messen, was wir selbst erlebten und dann gibt es da außen noch eine Art "objektives" Leid anderer Subjekte, das den Vergleich und die Relativierung fordert. 

Es ist ein Drahtseilakt und ich schwanke extrem zwischen dem einen oder dem anderen, ertrinke entweder in meinem Leid oder verbiete es mir, weil andere viel schlimmeres erlebt haben. 

Wirklich tragisch finde ich [außerdem], dass der Mensch immer der Mensch seiner Lebensgeschichte bleibt, auch wenn er sich verändert hat, selbst wenn seine Persönlichkeit durch die Jahre gereift, sein Wesen durch mildere Umstände gerechter geworden ist, er seine Liebe besser zu zeigen vermag. Ja-selbst wenn der andere nun selbst erfahren hat, wie schwer es ist, Verantwortung zu tragen, erkannt hat, dass wir Menschen manchmal lediglich die Summe unserer Fehler und Schwächen zu sein scheinen [und diese ja auch weder gewollt noch gewünscht, sondern wieder nur ein Erbe aus Vergangenem sind]. 

Es ist einfach ungerecht! Die Beziehung, die wir jetzt zu uns nahen Menschen haben [was meist die Familie ist], ist die, die unsere vergangene Erfahrung zulässt. Daraus resultiert- jedenfalls bei mir- eine traurige Diskrepanz zwischen dem, was ich meine, wie ich jetzt der Person ohne unsere Vergangenheit begegnen könnte/sollte und wie ich ihr aufgrund der Vergangenheit jedoch nur begegnen kann. 
[So nun ist der Vorspann fast länger geworden, als der Text.]

Das Haus meines Vaters ist seine persönliche ägyptische Pyramide, er selbst Pharao und Moses in einem.
"Aber Papi, du machst dich noch kaputt, das ist viel zu viel für einen Mann..", sage ich und verschlucke mich fast an dem "deines Alters", das eh Unsinn wär, denn diese Schufterei wäre zu viel für jeden Mann, jeden Alters. Und ich sage es, jedesmal, wenn er erzählt, was er alles neues gebaut, installiert, repariert hat und jedesmal sagt er: Baba*, ich will euch doch etwas hinterlassen, damit ihr euch an mich erinnern könnt.

Mein Hals schnürt sich zu, vor so viel kaum zu ertragener Symbolik. Und ich trage so viele Warums in mir, ein dickes Wie steht auch noch im Raum meines Ichs. Und ein anderes kleineres Wie: Wie zeig ich ihm, ich verstehe dich, verstehe ganz genau, was dieses Haus bedeutet und ertrage die Bedeutung nicht, will dieses Opfer nicht, kann es nicht annehmen; ein Haus, das meinen Vater auf dem Gewissen hat, liegt mir schon halb auf der Zunge.

Immer hat er gearbeitet, immer war er weg, immer alles für uns. Er war so selten da: "Baba*, Hati Mala3ah Saghire!", das war das Arabisch, das ich verstand; schnell verstehend, schob ich ihm eilig den kleinen Löffel über den Frühstückstisch. Für mehr Arabisch war nie Zeit. 

Und bis heute trage ich das schlechte Gewissen allein auf meinen Schultern mit mir herum und sage: "Papi, arbeite doch nicht so viel." Was ich nicht sage: Vielleicht bleibt uns noch die Zeit für Nähe, ohne die vorprogrammierte späte Reue.
Was soll ich in einem Haus, auf dessen Wänden in rostrot geschrieben steht, hässlichen Höhlenmalereien gleich:
Du hast ihn nicht gekannt...

Und ich schaue durch das fensterlose Fenster [oder ist es ohne Glas nur ein Fensterrahmen?], das er abends mit einer dünnen Sperrholzplatte verschließt, versuche zu verstehen, erwarte, dass er von seiner Arbeit aufschaut, hochschaut zu mir und: Baba, gib mir einen kleinen Löffel, sagt.

Baba, weißt du eigentlich, dass ich den Tee auch mit einem Messer umrühre, wenn ich den Löffel nicht finden kann?, erzähle ich ihm lautlos und schwache Erinnerungen, Gerüchen gleich und doch kein Geruch, wie er das türkische*1 Brot in den süßen schwarzen Tee tunkt und mich- oder waren es meine kleinen Schwestern, denen ich zusah?- damit füttert, steigen aus meinem Bauch hoch, so als läge das weiche, warme, süße Brot immer noch dort irgendwo, ganz tief unten verborgen.
Und die Blicke meiner Mutter: "Koffein für ein kleines Kind! Das ist doch Gift."
"Nein, das ist Tee, das machen wir immer so.", sagt er, wenn er überhaupt etwas sagt, unbeirrbar, wie immer, wenn er da war."

Und ich schaue auf die Ruine und weiß nicht, was schwieriger zu reparieren ist. Wie viele Löffel hat die Welt?

*Im Arabischen redet der Vater die Kinder selbst mit Baba an, das hat mich eine Weile irritiert. Ich bin doch nicht dein Baba? Aber anscheinend wird es zum Zwecke der Spiegelung so benutzt. Bei Khalo/Jiddo/Mama/Khalto..-also Onkel,Opa, Mama, Tante ebenfalls.  


*1 Manchmal war es türkisches und manchmal arabisches. Das türkische ist mir jedoch aufgrund seiner Flauschigkeit lieber gewesen.

Sonntag, 19. Juni 2011

Wiedergefunden- Altbekanntes.

Kann sein, dass ich mich irre, kann sein, dass mein Serotonin nur gerade am auslaufen ist, kann auch sein, dass ich einfach nur müde bin oder überfordert, ne Herbstdepression oder Schweinegrippe bekomme. Kann aber auch sein, dass ich Recht habe und der stinkige, überlaute, graue Haufen, den ich gerade vor mir sehe, das ist, was sie ist, die Welt.
Mein Kopf tut weh, mein inneres Kind quengelt synchron mit den dreien da draußen.
Ich sollte Geschichte lernen. Ich sollte aufräumen. Ich sollte Briefe aufmachen. Ich sollte die Bilder fertig malen. Ich sollte eine bessere Mutter sein. Ich sollte mich nicht so kraftlos fühlen. Ich sollte aufhören zu jammern. Ich sollte dankbar sein. Ich sollte ganz anders sein und das Wort sollte, sollte nicht sein.
Was mich heute traurig macht, ist meine Traurigkeit, obwohl es doch keinen wirklichen Grund gibt.
Und diese sich heimlich anschleichende Einsamkeit, macht mir ne Scheißangst.
Heute schien die Sonne und ich habe sie nicht gewürdigt; konnte es nicht, denn da war nichts, außer mein aufgesetztes "Aah die Sonne!" in mir drin, ein extra für mich aufgesetztes "Aah" und für alle Miris: den Kopf nach oben strecken und grinsen!
Privat-Theater-Vorstellung: sunshine- life is beautiful.

Exkurs: 
Das Rechtschreibprogramm kennt keine Schweinegrippe, nur Schweinerippe....und meint Scheißangst müsste Scheiß angst geschrieben werden...da sieht man mal wieder deutlich, dass ein Programm keine Ahnung hat vom Leben mit Gefühlen und Schweinegrippe.
Ich habe in Mathe was verstanden, eindeutig das Highlight* des Tages. Ich habe diesmal genau den richtigen Lehrer erwischt, einen für den Lehren fast so elementar zu sein scheint, wie atmen. Das sieht man daran, dass er eigentlich schon in Rente sein sollte und kein bisschen (wird das wirklich soo geschrieben?) verbittert, verbraucht, vertig (ich weiß..) aussieht. Das tun die idealistischen Lehrer nämlich meistens nach einigen Jahrzehnten, wenn sie feststellen, dass man Menschen nicht mal schnell was beibringen kann, wenn überhaupt.
Vielleicht sollte ich ne Sozialstudie über Lehrer aufstellen. Vom Persönlichkeitstyp würde ich sie in die Kisten depressiv oder/und zwanghaft packen. Das wäre sicher ne prima Möglichkeit mich von meinen eigenen Störungen abzulenken.
Die Traurigkeit ist der Müdigkeit gewichen, ich glaub mit Schweinegrippe lag ich gar nicht so fern.
Ich wünsch mir schöne Tage, Tage mit Freunden und Gemeinsamkeit. Ich wünsch mir eine Hand, die meinen Kopf streichelt, wenn ich traurig bin. Ich wünsch mir Kraft, meine Aufgaben erfüllen zu können. Ich wünsch mir Versöhnung mit Licht und Schatten. Ich wünsch mir, all das für alle, die sich dies wünschen und für alle, die es sich wünschen würden, wenn sie nicht aufgehört hätten, zu wünschen.
Was können Worte tröstlich sein.

*Anmerkung der 2011-Mary: Heute würde ich Höhepunkt sagen. Wehret den Anglizismen!



Es ist schon sonderbar, seine alten Texte zu lesen. Dieser hier hieß "Kann, sollte, sein" vom 13. Oktober,
Mein Schreibstil hat sich wohl wirklich etwas geändert, schrieb ich früher lockerer? Inhaltlich ist es aber immer noch, immer wieder aktuell.

Freitag, 17. Juni 2011

Geschirrrückgabe

An der Gedanken Enden
[An den Gedankenenden]
angekommen:
War das alles, was du zu bieten hast?
Fragt ich mich benommen.
Fast mit leeren Händen
Bist gekommen
Wirst auch gehen.

Kinderreimerein,
DAS nennst du Lyrik?!
Warum nur,
bist du immer noch gemein?
Zu mir.
Zu dir.

Fehlt dir der Applaus nach deinen Worten, schämst du dich, als würd das Lob der Leute, deinem Ausdruck erst Ex is tenz be rech ti gung
verleihen.Bleibt es aus, darf man dann schließen: Zum Tode verurteiltes "Ganz nett".
Und übrigens, wusstet ihr: Geschirrrückgabe wird wirklich mit 3 r geschrieben!

Weiter Lesen!

Ich hab gerade angefangen ein Buch zu lesen, das macht mich fast ganz still vor Staunen, bekomme ich den Mund kaum zu vor lauter Bewunderung.
Doch- ich kann noch lesen, muss es nur die Sprache sprechen, die mich gerade anspricht, anzieht, trifft.

WEITER LEBEN !


[Initiiert von Katjas Lesegedanken]

Mittwoch, 15. Juni 2011

Von der Kunst eifersüchtig zu sein

Sehr früh schon wurde mir beigebracht, wie wunderbar, ich sei so gar nicht eifersüchtig. Ich war zweieinhalb und verstand schon sehr gut, wie wunderbar ich bin, wie großzügig und reif von mir, nicht eifersüchtig zu sein, auf das neue Baby. 
Und wie hilfsbereit ich war, wusste ich immer, wo der andere kleine Nuckel ist, den das schrumplige Baby nur wollte, wenn Honig dran war. Das verstand ich zwar nicht, schmeckte mir meiner auch ohne sehr gut, konnte ich mich kaum mehr von ihm trennen, schauten die Erwachsenen schon schief: So schief werden deine Zähne mal werden; verstand es also nicht und rannte dennoch eilig mit dem Honignuckel den langen Flur herunter zum immer schreienden Baby- schaukelte es eifrig in seiner Wiege. Wie gut ich das tat, wie dankbar meine Mutter war, wie gut es sich anfühlte: Das hast du sehr gut gemacht! 

Der Stich ins Herz als die Großmutter kam: "Na, wo ist denn das Kleine?", sie schnurstracks an mir vorbeiging, als stünde ich nicht freudestrahlend vor ihr und wollte ihr erzählen von der neuen Schwester, das war keine Eifersucht-nein- denn ich war ja wunderbar unverwundbar und warum sollte ich auch? Ich wurde doch geliebt und es war doch auch mein Schwesterchen, dem ich vorsingen dufte, das mich belohnte, in dem es gnädigerweise ein paar Sekunden mit dem Schreien aufhörte, wenn ich ihm den Honig brachte, später dann wenn ich für sie Handstand machte; die mir die Achtung einbrachte, eine gute große Schwester zu sein, mich stolz machte, nun bin ich wer, mir meine erste Aufgabe im Leben besch[w]erte.

Die Stiche, denn es gab noch mehr Besucher, die an mir vorbeigingen, waren also ohne Groll gegen das Schwesterchen, das ich liebte und in meiner Erinnerung an mich die Zweieinhalbjährige könnte ich auf  Bibel, Koran und noch dazu aufs Manifest schwören, dass ich sie wirklich bedingungslos liebte, keinerlei Hass da war, kein Wunsch sie wieder umzutauschen oder an eine arme, kinderlose Nachbarin zu  verschenken, so wie das andere Kinder zuweilen vorschlagen. 

Den Schmerz machte ich mit meinem Nuckel aus und fühlte nur im Bauch ein Ziepen, weil Kinder jeden Schmerz mit ihrem Bauch wahrnehmen, Kopfschmerzen im Bauch, Zahnschmerzen im Bauch, Halsschmerzen im Bauch, Herzschmerzen im Bauch. 
Dieses Ziepen war unterlegt mit einer undefinierbaren Traurigkeit.

Ich glaube, es war noch am selben Tag- als ich zum ersten Mal unsichtbar wurde- da kam zum Abend hin, meine Tante Retterin und ich glaube, der Grund, warum ich so sehr liebe ist, weil sie mich an diesem Tag sah. 

Sie kam durch die Tür und das erste, was sie tat, war auf mich zu zugehen, sich zu mir herabzubeugen, mir über den Kopf zu streicheln und mit mir zu sprechen.
Was sie genau sagte, habe ich vergessen, aber ich glaube sie fragte, wie es mir geht. 
Was für eine Frage! Nicht zu fragen, nach dem neuen Schwesterchen, nicht nach mir als neue Schwester, sondern nach mir, ihrer kleinen Nichte. Das Wunder wurde noch übertroffen von einem Geschenk, das für mich sein sollte, ein "Ich sehe dich immer noch-Geschenk" war das, verpackt als "Für die große Schwester", und auch wenn ich gar nicht mehr weiß, was es genau war, war es das schönste Geschenk, das man sich nur vorstellen kann. 
Oder gibt es das Geschenk nur in meiner Erinnerung, weil das kleine Mädchen etwas konkretes brauchte, in das sie ihre schönen Gefühle packen konnte?

Rückblickend sehe ich, dass man mich belogen hatte, meine ehrlichen Eltern haben mir erzählt, ich sei nicht eifersüchtig und ich habe ihnen geglaubt.
Es war nicht wunderbar, sondern sehr sonderbar, dass ich nicht eifersüchtig war.
Ich hätte damals viel leichter lernen können, als heute, dass es in Ordnung ist, jemanden auch zu hassen, jemanden zu beneiden, von jemandes Verhalten verletzt zu sein. 
Aber dann wiederum wäre ich nicht die geworden, die ich bin, mit all ihren Macken [Immer wieder strebt etwas in mir zwanghaft nach Versöhnung, da komm ich wohl nicht drum herum.].

Warum ich euch das erzähle? Wenn ihr das nächste Mal zu Besuch geht, einen neuen Erdenbürger Willkommen zu heißen, dann seht das Kind, das daneben steht, streichelt ihm über den Kopf und fragt, so trivial es klingt, wie es ihm geht- es könnte ihm die Welt bedeuten.


Anmerkung:
Warum auch immer, es sprudelt gerade so viel aus mir heraus.
Dass ich alle meine Schwestern von ganzem Herzen liebe, auch wenn ich nicht eifersüchtig sein "durfte", versteht sich von selbst. Die einst schrumplige Konkurrenz ist zu einer wunderbaren, schönen, klugen Frau und Mutter geworden und ja- ich beneide sie heute des Öfteren und liebe sie dabei. 

Geständnis: 
Heute weiß ich, wie eifersüchtig ich bin, sobald mir etwas bedeutet oder jemand mehr Aufmerksamkeit als ich bekommt. Heute kann ich es eingestehen, dass dieses piecksige Gefühl der Ablehnung, hässlich, kleinliche Gefühle in mir wachruft und mich immer wieder verletzt zurückziehen lässt, bevor der andere etwas davon mitbekommt. Wirklich großzügig kann ich mit Menschen nur sein, wenn ich mich über sie stelle, sie mütterlich/großschwesterlich von oben betrachte.

Relativierung:
Eine Stimme in mir, findet dass ich ein zu großes Drama darum mache, andere Kinder haben noch viel schlimmeres erlebt. Das stimmt einerseits andererseits auch nicht, denn für mich, Miriam, 2undhalb gab es nichts schlimmeres.
Ich die 33-jährige  weiß längst, dass ich nicht unsichtbar wurde, meine Eltern mich noch genau so liebten.
Und ich bin dankbar dafür, dass meine Eltern mir so viel mehr gaben als sie wiederum je von ihren Eltern bekamen und dass sie mich liebten, das weiß ich [eigentlich] auch. Ebenfalls bin ich dankbar, für die Stärke, die sie mir gaben und schließe aus dem Umstand, dass ich mich mehr traue als andere Menschen, in meine Seele zu schauen: Sie haben sehr viel richtig gemacht. Fazit: Urvertrauen abgehackt, wenn es auch einen kleinen Knacks bekam mit zweieinhalb. 


Aber dazu ist Leben auch da. Die perfekten Umstände wird es kaum geben, sind wahrscheinlich auch nicht vorgesehen. All das habe ich erkannt, aber meine Seele versteht diese Sprache nicht. Sie hat andere Maßstäbe, individuelle, egoistische, irrationale. 
Ich habe versucht, ihr eine Stimme zu geben.

Nichts. Eine Liebesgeschichte

"Es tut mir sehr leid, aber ich kann dich nicht lieben!", sagt er und es liegt Bedauern in seiner kratzig tiefen Stimme, die sogleich an drei-Tage-Bart denken lässt und an den warm-würzigen Geruch von Tabak in Pfeifen, dabei raucht er gar nicht, riecht seine Stimme nur, nach Kindheit und Tabak und ein wenig auch nach Lakritz.
 

Das "Ich kann dich nicht lieben!", klingt noch als lautloses Echo im Telefon nach. 
Am anderen Ende der Leitung ist es still, wird ein Schluchzen unterdrückt, das sich in ein tiefes Einatmen verwandelt, so als hätte sie sich gerade erst daran erinnert, dass ein Mensch Sauerstoff benötigt um zu überleben und so als hätte sie längst vergessen, dass zum Leben eben dieser zensierte Schluchzer gehört, wenn einem gerade gesagt wird, dass man nicht geliebt wird. In ihren Ohren klingt es schon, als hätte er: " Nicht liebenswert.", gesagt.
Sie hätte alles gegeben für diese Liebe, alles, was sie ausmacht, oder auch weniger, sogar noch mehr, wäre sie bereit gewesen, zu geben, selbst sich selbst, hätte sie ohne zu zögern hingegeben, für eine Sekunde ihn.


Aber er wollte nicht, tätowierte ihr das Prädikat "wertlos", mitten aufs Herz, taufte sie endgültig auf den Namen "nichts"- sie hatte es immer geahnt- natürlich klein geschrieben, obwohl es nach dem Duden nur mit einem großen N richtig wär.


Das hatte sie irgendwann nachgeschlagen- halb aus Langeweile und halb aus dem unbestimmten Wunsch heraus, etwas über sich selbst herauszufinden- diese Art von nichts, wird paradoxerweise groß geschrieben. 

Als Indefinitpronomen bedeutete nichts: nicht irgend etwas, kein Ding, keine Sache, nicht das Mindeste, las sie und dachte:
"Das bin ja ich!". Wie merkwürdig sich in einem Duden wiederzufinden. 
Die Nominalphrase nichts-das klingt wie Minimalfresse, kicherte sie beim Lesen- dieses nichts bezieht sich auf das Gegenteil des Seins, die Negation und Abwesenheit des Seins, das Nichtsein, eine absolute Leere oder allgemeine Unbestimmtheit.
Absolute Leere. Allgemeine Unbestimmtheit. "Auch das bin ich! Das ist unheimlich."- sie las weiter:
Als Substantiv bedeutete nichts etwas Abwesendes, dessen Anwesenheit erwartet wurde [nihil privativum],etwas Wesenloses, Nichtiges, nicht Greifbares etwas, dem doch der eigentliche Inhalt, das innere Sein und Leben fehlt, der bloße Schein, ebenso kann damit eine Person oder Sache als unwert, unbedeutend, gehaltlos und nichtig etikettiert werden.
Das war zu viel für sie. Mit Wucht, schlug sie den Duden zu.



"Warum sagst du denn nichts!", kommt es verzagt von ihm, seine Stimme voll von schlechtem Gewissen, noch kratziger. 


Er kann nicht, hieß für sie: Er will nicht. Denn wenn er wollte, dann hätte er auch gekonnt. 
Oder hieß "er kann nicht" wirklich nicht können, weil sie etwas war, dass niemand bei Verstand, je hätte lieben können. Und sagte er nicht schon, sie sei nicht liebenswert? 


Sie hatte bisher nur Atem von sich gegeben, der fragte vorwurfsvoll und vor allem verzweifelt: "WARUM kannst du mich nicht lieben?". 
Aber sowas wirklich fragen, mit richtigen Worten, in ihrer gemeinsamen Sprache, das ging nicht, auf gar keinen Fall. Außerdem war es ja ohnehin schon klar. 


Am Liebsten hätte sie ihn nach seinem Hund gefragt, dem es die vergangenen Tage nicht gut gegangen war, der immer nur schlafen wollte und das Futter verweigerte. Sie hatte sich Sorgen gemacht, gemeint zu spüren, dass er Depressionen hatte, der Hund. Auch Tiere können einsam sein.

Sie hätte wirklich gerne gefragt, ob es ihm nun besser ginge, aber wie würde das klingen, sich auf den Satz: "Du bist nicht liebenswert!" nach der Gesundheit des Hundes zu erkundigen? Das wäre verrückt. Er würde sie tatsächlich für verrückt halten, da hätte er dann seine Bestätigung, von ihr auch noch vor die Füße gelegt bekommen, einen greifbaren Grund: "Und als ich ihr sagte, ich könne sie nicht lieben, fragte sie mich, wie es meinem Hund ginge!", würde er den anderen erzählen. Daraufhin würden er und seine Freunde diskutieren, ob sie nun der Schmerz der Ablehnung verrückt gemacht habe oder ob sie es nicht schon vorher war. Und bestimmt würden die Freunde dann lachen, sie auslachen, ohne sie überhaupt zu kennen: "Wie konnte sie nur glauben, du könntest sie lieben!" und ein anderer, ein besonders schlauer würde einen Schlussstrich ziehen, nachdem ihr Bauch schon weh tat von dem ganzen Lachen über sie: "Nee, nee, mein Lieber, die hatte schon vorher eine an der Waffel, aber ganz dolle. Keine einzige Tasse mehr im Schrank." 
So würde es ablaufen, sie sah das Bild schon ganz genau vor sich.

"Sag doch was!?", kommt es von ihm, es klingt wirklich besorgt.


"Warum?", 
fragt sie hastig,kurzatmig. Am liebsten hätte sie schnell ihre Frage wieder an sich gerissen und schnell dazu gefügt: "Warum hast du dir damals überhaupt einen Hund gekauft?" 


Aber es ist zu spät, er versteht sofort, wie es gemeint war, die Natur dieses Warums und plappert hastig, so als hätte er nur auf sein Stichwort gewartet: "Es liegt nicht an dir, du bist wunderbar, auch wunderschön, überhaut an sich ein Wunder, wie ein Engel fast, du bist das liebste Geschöpf, das ich je kennen lernen durfte, aber ich kann einfach nicht, ich bin es, ich bin es, der nicht kann und wenn es Worte geben würde, um dir glaubhaft zu machen, wie leid es mir tut, wie sehr du es verdient hast, geliebt zu werden, dann würde ich dir diese Worte geben..." 


Sie hört gar nicht mehr zu. Der hat wohl zu viele Hollywood-Schnulzen gesehen oder steht auf seinem hölzernen Bücherbrett ein Ratgeber a la "Wie breche ich auf humane Weise ein Herz?" 

"Das reicht!", sagt sie plötzlich. Woher sie den Mut nimmt, weiß sie nicht genau, es muss etwas mit diesem schmalzig-romantischem Zeug zu tun haben mit dem er sie auf so billige Weise versucht abzufertigen. 
Ich bin vielleicht ein nichts, denkt sie, aber auch ich habe ein wenig Stolz. Würde er mir sagen: "Du gefällst mir einfach nicht genug, du ziehst mich nicht wirklich an. Oder: Es gibt da eine andere, an die ich dauernd denken muss, die ich versuchte durch dich zu vergessen, aber vergebens.", sowas wäre ein Abgang gewesen!

So hätte sie ihn noch lange hintertrauern können, ihn dabei jedes Jahr ein wenig größer werden lassen: Ja, das war ein Mann, der ehrlich zu mir war. Der sich nicht gescheut hat, mir die Wahrheit zu sagen.
Aber, was er da ablieferte, diese jämmerliche Clownsnummer, das konnte er sich in den Allerwertesten, nein-noch besser: in den Arsch, schieben. Sie hatte ihn einmal respektiert.  

"Hör auf!", fährt sie fort, obwohl er schon bei ihrem ersten Satz  ganz erschrocken schwieg, so kannte er sie gar nicht. 
"Erspar mir dein Gesülze. Willst du mir erzählen, dass du mich nicht lieben kannst, weil ich zu lieb bin? Weil deine Mama eine gemeine Frau war, die dich immerzu quälte mit ihren Ansprüchen und was sie alles an dir auszusetzen hatte, du deshalb nur auf böse Hexen stehst, die dich ausnutzen, dich aussaugen, alles von dir verlangen und dennoch nie zufrieden sind, dich wie ein Stück Scheiße behandeln, damit du dann jammern kannst, wie sehr du sie doch liebst und wie undankbar Frauen sind? Ist es das, was du willst? Das hättest du gleich sagen können: Tschuldigung, ich steh nur auf narzisstische Schlampen." Es sprudelt nur so aus ihr heraus, noch nie in ihrem Leben hatte sie so mit einem Mann geredet, war so offen gewesen. 


Verblüfftes Schweigen am anderen Ende und dann nach gefühlten Stunden, in Wirklichkeit waren es genau 7 Sekunden, lacht er heiser, noch voller Unglauben und auch nicht mit wenig, schlecht versteckter  Getroffenheit:"War das alles? War das alles dein ernst?" 

"Ja, mein totsicherer ernst!", antwortet sie noch immer wütend und ein wenig:"Gib es ruhig zu. So ist es doch!" 

"Mag sein, dass da ein Teil Wahrheit in deinen Worten steckt. Du bist sogar ziemlich nahe gekommen, oder zumindest warm, würde man beim Topfschlagen sagen, naja- sagen wir lauwarm.
Aber sag, wo wir gerade dabei sind: Kann es nicht sein, dass dein Vater für dich immer unerreichbar war, er dir seine Liebe vorenthielt? Auch für deine Mutter warst du eigentlich ein Übel, was sie versuchte zu kaschieren mit ihrer erdrückenden, übervorsichtigen Art. Jetzt sitzt du da, eine erwachsene Frau, und sehnst dich immer noch nach der Liebe deines Vaters und deiner noch Mutter dazu, Sehnsucht im Doppelpack sozusagen. Und du sehnst dich so sehr danach, tust alles, um sie dir zu verdienen, sobald sie sich dir aber jemand geben möchte, dann bist du plötzlich deine Eltern und spürst nichts mehr, wirst kalt wie Stahl..."

"Es reicht!", sagt sie heute zum zweiten Mal. Diesmal jedoch klingt es ganz anders; erschöpft, verwundet und sogar versöhnlich, vor allem aber, klingt es mehr wie sie. Sie ist ein "Es reicht!", geworden. Das ist besser als "nichts". 

Die beiden legten an diesem Tag auf, hatten wirklich genug voneinander. Sie telefonierten danach aber noch oft, trafen sie sogar später zum Spazieren gehen, natürlich mit Hund, der sich auf wundersame Weise erholte. Die Freundschaft hielt bis zum Ende und sie fing an diesem Tag an, an dem Tag, als sie anfingen, sich Spiegel zu sein.

Ich finde, das nennt man zu Recht, ein: Happy End.

Dienstag, 14. Juni 2011

Der König ist tot-ein Traum


Der König stirbt, aber wir, die Frauen, sind nicht traurig darüber, auch nicht wirklich erleichtert, eher erheitert...er stirbt und wir überlegen uns einen neuen König und wie wir ihn dem Volk einführen wollen. 
Aber zuerst ist da noch die Königin, die weg muss, die wir lebendig einbalsamieren. Sie stirbt problemlos, schrumpelt unter ihren Kleidern ein und eine Freundin von mir, nimmt sie unter den Arm. Sie sieht aus wie eine große, dürre, schön angezogene Puppe, die tote Königin.

Die Leute dürfen nicht erfahren, dass die Königin tot ist und wir tun so, als warteten wir auf sie, wundern uns laut, wann sie denn endlich erscheint.  
Die Menschen fangen an zu trauern, um den König, aber wir kippen die Stimmung und reden von dem tollen neuen König, der kommen wird, ohne eine Ahnung zu haben, wer das sein soll, aber das kümmert uns nicht. Es geht um den König, nicht um die Person.

Ich sage zu jemand Unbestimmten: "Ein König, ein Volk! Ist es nicht verwunderlich, dass ein einziger Mann, wenn er gut ist, ein ganzes Volk zum Erfolg bringen kann. Und die besten Kämpfer nützen nichts, mit einem schlechten Anführer."
Der Unbekannte spiegelt meine Begeisterung. So wie alle Leute unsere Begeisterung zu spiegeln scheinen.
Die Freundin, mit der toten Königin unter dem Arm setzt sich auf den Schoss von jemanden und packt dazwischen die tote Königin; mir kommt das auffällig vor und ich frage mich, warum sie sie nicht in der Kutsche gelassen hat...aber es fällt niemandem auf und wir haben auch keinerlei Angst, dass es doch jemanden auffallen könnte.

Wir organisieren eine Trauerfeier, die jedoch ein Fest ist, alle freuen sich. Es gibt Essen, was selten in diesem armen Land vorkommt und ein Anlass zur Freude für die Menschen ist.
Nur der Adel bekommt ein wenig Fleisch, das Volk bekommt Reis mit etwas Spinat-ähnlichem und Joghurt. Ich begebe mich zu den einfachen Menschen und esse ein wenig von ihrem Teller. Allgemeine Gespräche über den neuen König.

Ein Mann reitet schnell auf das große Fenster zu, vor dem ich an einem Tisch sitze. Es ist als würde ich den Durchbruch, das Zerbersten der Fenster, schon spüren, ich erschrecke, aber auf eine prickelnde Art, sein Pferd hält in letzter Sekunde 
Der Mann ist frustriert und böse [auf mich]; er muss nun den langen Weg draußen herum gehen, aber ich mache mir keine Sorgen, dass er mich drinnen finden würde und frage mich auch nicht, wer das war.

Samstag, 11. Juni 2011

Heraus!

Es ist keine richtige Kurzgeschichte und düster ist sie noch dazu.
Wem es gerade schlecht geht, der sollte sie entweder unbedingt oder auf keinen Fall lesen. Das muss der Leser selbst entscheiden. Es ist nicht das, was ich schreiben wollte; es ist das, was heraus will.
Mir sind in den letzten Wochen fast nur Menschen begegnet, denen es nicht gut geht, die sich ausgebrannt, leer, traurig, verzweifelt fühlen. Menschen, die neben sich stehen. Gehen wir davon aus, dass niemand zum Zwecke einer vollkommenen Manipulation, Verzweiflung in die Luft bläst oder uns irgendwelche Depressiva in das Trinkwasser kippt, dann liegt die Vermutung nahe, dass etwas mit unseren Lebensumständen so überhaupt nicht stimmt.
Das schlimmste, so glaube ich, ist das Wissen, dass es uns materiell betrachtet eigentlich sehr gut geht, es uns doch eigentlich gut gehen muss, im Vergleich zur Welt, es unsere verdammte Pflicht ist, dankbar zu sein.

Heraus!
"Es gibt Dinge, die fühlst du, sagst sie aber nicht, obwohl du so gerne möchtest, sie eigentlich aus dir heraus wollen/müssen, so unbedingt, explodieren sie fast in dir, schluckst du sie herunter, wirst du zur Zeitbombe, gereizt, ungenießbar, jeden von sich wegstoßend, das reinste Pulverfass. Du reißt an deinen Ketten, die klirren, machen dich nur noch aggressiver; spielen dir das Lied der Ausweglosigkeit deiner Situation [in dolby surround] vor, du möchtest um dich schlagen, fast blind vor Wut, wenn du dich nur trauen würdest, auszurasten, wegzugehen, den Liebsten den Rücken zukehren, die dich erdrücken mit ihrer Liebe, nein- mit ihrem Bedürfnis geliebt zu werden.
Deine Träumereien, ganz [für dich] allein, nach Brasilien zu gehen und den ganzen lieben langen Tag, Samba zu tanzen oder dich nach Indien still meditierend in einen Schrein zu setzen, vor dessen Tür du zuvor deinen Namen abgelegen musstest, diese Träume stehen bei dir auf der schwarze Liste ganz oben, streng bewacht, zensiert, so dass du dir sogar selbst glaubst, wenn du anderen erzählst "Fernweh kenne ich nicht mehr, ich bin angekommen, lebe gerne hier." oder: "Der Wunsch zu verreisen, verdeckt doch meist nur den dahinterliegenden Wunsch, seinen eigenen Lebensumständen oder all zu starren gesellschaftlichen Konventionen zu entkommen."

Deine Träume hassen dich dafür und sie verfluchen dich des Abends und des Nachts und wann immer du schläfst. Sie machen dich so müde, weil sie nur dort noch sein können, deshalb bist du so müde, so dass du auf der Stelle einschlafen könntest, mitten auf der Strasse, sofort.
Schlafen oder ausrasten?-scheint Schlaf die sanftere Variante, für die du dich entscheidest, weil du dich nicht traust, dir das zu nehmen, was du willst, aus Angst egoistisch zu sein, und weil du überforderst bist mit den Ansprüchen des Lebens.

Am Ende angekommen, innerlich ausgezerrt und äußerlich verschwommen, kannst du den anderen eigentlich eh nichts mehr geben, aber verlassen kannst du sie auch nicht, denn da gibt es ja noch die Verantwortung.
Eigentlich gibt es nichts als Verantwortung und jeder trägt zu viel davon, wird erdrückt von ihr; sie macht uns hässlich träge, sie erwürgt uns, langsam und qualvoll, wie die Würgefeige, die anders, als viele glauben, kein Schmarotzer ist, sondern ihr Leben als süßer kleiner Aufsitzer mit niedlichen Saugschupppen beginnt, ganz oben in der Krone des Baumes, der wir sind, sich an uns von oben nach unten hangelnd, wächst sie, bis ihre Luftwurzeln den Boden erreichen, dann hat sie es geschafft, bezieht sie ihre Nährstoffe direkt aus dem Boden, nimmt uns die letzte Luft zum atmen und das Licht der Sonne, verbleiben wir in Dunkelheit, werden erwürgt von ihr."

Deine Gedanken sind zu düster, meinst du und ich stimme dir zu, dass du überhaupt bis hierher durchgehalten hast, wundert mich sowieso. Ich kann sie ja selbst nicht ertragen. Immer wieder schäme ich mich ihrer, es käme mir niemals in den Sinn, sie an den Tisch zu bitten, aber drin lassen, drin lassen in mir, in dir, in jedem von uns, das ist wie Gift. Das ist Gift! Wir müssen sie herauslassen, wir müssen, wir müssen, wenn wir nicht alle irgendwann im Irrenhaus landen wollen oder als tote Leichen, bei lebendigem Leibe verbannt."

"Ich wünsche mir oft, ich wär unzurechnungsfähig.", beichtest nun du, als dein Stichwort Irrenhaus fiel: "Ich könnte mit dem Kopf gegen die Wand rennen, so oft ich will und schreien dabei, das wäre dann ganz normal in der Psychiatrie, oder nicht? Ganz normal! Ich könnte dort schreien, dass ich das Leben hasse und niemals sterben will. Wie ich die Menschen hasse und dazu noch das Gefühl. Jeder würde nicken, wenn ich lebensmüde von der Sinnlosigkeit des Seins erzähle, wie mich alles langweilt, wie es mich ankotzt, wie leer es in mir ist, wie zynisch die Welt, wie gemein sie ist... Das wär doch was!"

"Ob sie das dort dulden..", stelle ich in Frage: "Oder ob sie dir nicht doch eilig lila Tabletten einflößen  würden, damit es dir bald wieder "besser" geht, damit du aufhörst, so schlimme Dinge zu Sagen, solche Dinge, die die anderen beunruhigen, diese Dinge, die die anderen nur noch aus vergessenen Alpträumen kennen, an die sie besser nicht erinnert werden..."

"Stell dir vor, wir springen alle gleichzeitig aus dem Fenster!", strahlst du mich ganz begeistert an und mir wird ein wenig mulmig zumute- war ich das mit meinem pessimistischen Gerede, das eigentlich nur eine Aufforderung sein sollte, ehrlich zu sein, mir selbst Mut zuredend? Hab ich dich etwa angesteckt, so wie ich es sonst auch tue, mit Trost und hoffnungslosem Optimismus?
"Das ist doch keine Lösung, kann doch keine sein.", ruder ich zurück. Dein "Warum nicht?" liegt nahe und genauso nahe liegt auch mein: "Weiß ich nicht!".
"Aber wir sind nun mal am leben, die Antwort liegt also im Leben, nicht im Tod.", das ist mein schwacher Versuch, aber bei längerem Hinhören, klingt es schon irgendwie überzeugend.

Wie wäre es für den Anfang, wenn wir sagen würden, was in uns ist, was uns erdrückt, was wir vermissen, was wir nicht einmal vermissen können, weil wir es nicht einmal kennen, welche Lebensumstände uns die Luft zum atmen nehmen. Was hältst du davon, so als Anfang?

Samstag, 4. Juni 2011

Eine Pause?

Ich schrieb einmal, dass der Blog eine Art Gehversuch sei, auf dem Weg zum "richtigen" Schreiben, momentan glaube ich jedoch eher, dass er ein Ablenkungsversuch sein soll, weil ich mich nicht traue, ein Buch zu schreiben.


Unser Bücherüberfluss ekelt mich an, das Wissen, dass alles schon so viel mal da war, deprimiert mich ungemein, die Angst nur Mittelmaß zu sein, blockiert und hindert mich überhaupt anzufangen, so als müsste ich es veröffentlichen, wenn ich es geschrieben habe. Blödsinn! 


Warum ich dennoch eines schreiben will, lässt sich nicht wirklich erklären, es ist einfach so, ist die Antwort, die nie genügt, Lüge und Wahrheit in einem.

Eine Weile habe ich das Problem gelöst, indem ich mir eingeredet habe, der Blog reiche mir; Gedankenfetzen, die kein Papier strapazieren, in Läden verstauben, sich dem Leser bettelnd aufdrängen. 
Jetzt jedoch finde ich, dass die Rechnung nicht aufgeht, wieder nur einer feiger Weg ist, der dem überzeugten kleinen Mädchen, die selbstbewusst in die Poesie-Alben als Berufswunsch "Autorin" eintrug, in den Rücken fällt.
Und damals war ich mir sicher, dass ich besonders schreiben würde, dass ich das kann. Wo ist dieses Selbstbewusstsein geblieben? Wahrscheinlich habe ich es irgendwo in den großen Bibliotheken, vor allem aber bei Dussmann, Hugendubel &Co verloren. 

Warte ich darauf, dass mir etwas einfällt über das noch niemand geschrieben hat, dann werde ich wohl ewig warten, darauf soll es also  nicht ankommen. 
Wir stecken nun einmal in dieser Sackgasse, damit heißt es sich abzufinden oder zu schweigen.

Und Schweigen ist eine durchaus nahelegende und nachvollziehbare Schlussfolgerung; die Weisen dieser Tage haben sich [wohl] in die Stille zurückgezogen. 
Der wahre Philosoph von heute ist introvertiert; das Betrachten der Menschen, die so viel reden und doch nichts sagen, Kommunikation lediglich als Mittel des sich selbst Profilieren benutzen, haben ihm die Lippen versiegelt, die Erkenntnis, das alles Menschen erdenkliche schon gedacht wurde, seine eigenen Erkenntnisse entwertet sind, da er sie nicht einmal mehr sein eigen nennen kann, lassen ihn vollkommen verstummen. 

Damit kann ich mich aber nicht abfinden, wie soll ich sie denn finden, wenn sie schweigen?  Manchmal nimmt mir dieses Dilemma die Luft zum Atmen, bzw. gibt mir das Gefühl, es sei nicht wirklich Luft, die ich atme. Jeder Mensch braucht seinesgleichen und auch jemanden, der ihn lehrt; vergangene Bücher allein machen nur einsam; in diesem Sinne ist das Schreiben vor allem der Versuch mit diesen anderen in Kontakt zu treten. Schreibt man für hundert und sucht eigentlich nur Einen, schreibt man für tausend und sucht eigentlich nur Einen, schreibt man für millionen und sucht eigentlich nur Einen, so wird es irgendwann unmöglich, überhaupt irgendwas zu finden- hat man zudem sich selbst wahrscheinlich auch noch in der Fanpost verloren. 

Aber ich mache mir schon wieder zu viele was-wäre-wenn-Sorgen.
Wissen möchte ich, wie ich meine Blockade überwinden kann und es wenigstens versuche, das Schreiben.
Sherry meinte letztens, sie müsse sich das Buchschreiben erst einmal verdienen und ich konnte ihre Bescheidenheit zwar schätzen und auch gut verstehen, dachte jedoch andererseits: Wenn sie noch nicht einmal glaubt, dass sie bereit ist; sie, deren Sprache und Inhalt ihresgleichen sucht, wann sollte ich dann irgendwann bereit dazu sein?

Nein- Nichtschreiben aus Minderwertigkeitskomplexen, das ist keine Lösung, sich Mut anzutrinken, ebenfalls nicht. 
Vielleicht sehe ich das mal wieder zu radikal, aber ich finde, dass die Autoren, die Alkohol&Anderes zur Hilfe nehmen um schreiben zu können, schummeln. 
Wenn diese dann auch noch erklären wollen, wie das Leben funktioniert, dann bin ich ihnen sogar richtig böse. Schlaf erst einmal deinen Rausch aus und erklär mir dann nochmal, wie einfach das doch alles ist! 

Falls also, es hier still werden, ich meinen Rettungsring an den Nagel hängen sollte, dann wisst ihr Bescheid. Falls nicht, dann auch :). 
Danken wollte ich so oder so einmal sagen, an all jene, die hier lesen kommen: Dankeschön!

Freitag, 3. Juni 2011

S wie Straße-kurz notiert

Die meisten Straßen in Berlin fangen mit einem S an und eine Straße mit dem Anfangsbuchstaben X, gibt es nur einmal in Berlin, nämlich die Xantenerstraße. Das erfahre ich, als ich Südstern auf die U Bahn warte, mich dem Stadtplan zuwendend, mich- mal wieder -vor meinen Mitmenschen schämend, versuche ich damit ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen.
Ich werde mich wohl nie an die absurde Situation gewöhnen, so viele Menschen auf einem Fleck verklemmt und doch gaffend aneinander vorbei sehend, wegschauend, lebend.
Wenn ich je Lust darauf haben sollte, mich in den Gedanken reinzusteigern, meine Umwelt sei nur eine Simulation, alles was ich sehe nur eine Projektion, ein Hologramm, ein schlechter Scherz- what ever- dann wäre die Bahn der perfekte Ort dazu. 

Mary am Meer

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