Sonntag, 24. April 2011

Litographie. Familie auf dem Land

Verwurzelt
Dieses Bild soll halten, die Lieben vor roten Ziegelsteinen, die eine Schwester gleicht einer Schäferin, die andere einer kraus-lockigen Indianerin, Zwillinge; die Kinder einige noch patsch-händig, sitzen auf den Treppen, staunen und schauen rührend, alle zusammen.
Der Vater zieht das Gitter, die Stolperfalle vor dem Haus, mit einer müllmannorgangefarbigen Hebebühne aus dem Boden, in dem es fest verwachsen war, gut verwurzelt
heraus.

Ein Größerer der Kleinen kommt angerannt, nein- doch eher gehoppelt, mit einer Kamera in der Hand, mit dem Rücken zu Wand
hält er diesen Augenblicker fest. Ich aus der Entfernung, schauend, will auch festhalten. Die Welt ist heile- einen Moment lang. Ich halte es fest.


Lager-feuer
Wir machen ein Feuer mit Holz, das muss trocken sein und weg muss es auch. Wir stellen Ziegelsteine im Kreis auf. Wir brauchen noch Stroh, sonst brennt es nicht. Ich schneide meine rechte Hand am Stroh. Gott sei Dank, es brennt und blutet. Trotzdem fass ich es nun etwas vorsichtiger an.
Die Kinder hört man nicht, selbst wenn sie schreien, wir sind Holzsammler von Beruf Feuermacher.
Es ist genug Platz zum Atmen für jeden da und das Feuer hat genug Hunger, um allen Arbeit zu geben. Groß und Klein- absolut unwichtig. Wir sind- und das Feuer. Es brennt, es raucht. Mehr Holz muss her. Ich fasse in einen Zweig mit Dornen, der ist gebogen und will nur raus, wenn man ihn richtig herum dreht. Mir wird kurz schlecht. Ich schaue ins Feuer. Es brennt und raucht.
Die Zweige mit den Dornen sehen trocken aus, aber nur, weil ihre Rinde hart ist, innen sind sie saftig und weich, das ist der Grund, warum es raucht. Es gibt so viele Sorten von Holz.
Der Kleine schmeißt ein Stück einer (noch aus DDR Zeiten stammenden?) spanholz-bezogenen Tür ins Feuer-"Nein! Nur echtes Holz darf da rein!" "Warum?" "Weil das Feuer kein falsches Holz akzeptiert, es stinkt sonst und qualmt."

Die Luft ist voll Ruß, unsere Gesichter auch. In uns ein Feuer, das lange durstig war, viel zu lange. Mich interessiert keine der Fragen, außer wie man dieses Feuer am Leben halten kann. Es mag es, wenn ich mit dem Stock drin herum stochere, es glüht davon.
Die größeren Äste und Baumstümpfe die brennen nicht, meine Schwester sagt, da kommt nicht genug Sauerstoff ran. Sie verwandeln sich in Kohle, fast unbemerkt tun sie das. Stunden vergehen, nicht nur fast unbemerkt, die Zeit bleibt für den Augenblick stehen. Hier bin ich, ohne etwas sein zu wollen.
Als ich ankam, es ist übrigens schon Sachens-Anhalt, dachte ich und verabscheute dann gleich darauf meinen Gedanken: Was kann man aus dem Platz machen? Was aus diesen Gebäuden. Wir ließe es sich optimal nutzen?
Nutzen. Das man hier sein kann, wie misst man diesen Nutzen?

Der Abend kommt und das Feuer brennt. Die Kinder werden nicht müde, es ist als hätten sie die Energie des Feuers angezapft. Wir Großen wollen jetzt Ruhe haben. Gleich kommen die Sterne und da wollen wir dann Ruhe, spätestens. Feuer, Sterne und Ruhe. Aber die Kinder wollen Feuer und Sterne und Wach-sein. Aufkommende Dissonanz.
Ich bin wieder die Erwachsene, die genervte, die den süßen Kleinen am liebsten jedem ein Pflaster auf den Mund kleben würde und sie in ihren Schlafsäcken festschnüren.
"Wir haben auch ein Recht auf Ruhe!" Haben wir?

Irgendwann nach gefühlter Erichkeit (wie Ali früher zu sagen pflegte) und nach unzähligen Pschtts!, schlafen sie endlich ein.
Der Mond stünde schon hoch oben, wenn er nicht gerade schwindsüchtig wär.
Wir liegen im Gras, um das Feuer ist es noch warm, und schauen in die Sterne. "Da!", denke ich "eine Sternschnuppe!" und wünsch mir was. Die Sternschnuppe fliegt weiter, in einer merkwürdig geraden Linie; sie ist ein Flugzeug. Ob der Wunsch trotzdem in Erfüllung geht? Egal. Es ist mir egal.
Ich schaue in die Sterne und weiß, ich könnte das stundenlang tun, ohne zu denken oder zu zählen, einfach nur schauen. Immer und erich nur schauen.

Donnerstag, 21. April 2011

Definition der Intelligenz-ein Ansatz

Ich brauche eine Definition von Intelligenz; eine Definition, einem Maßstab gleich. *

Für mich setzt sich Intelligenz aus emotionaler und rationaler Denkfähigkeit zusammen, es ist das ausgewogene Zusammenspiel der beiden, die einen Menschen intelligent macht.  

Die Welt in der ich lebe, zieht aber aufgrund von materialistischen Wertevorstellungen und mechanischem Menschenbild, die rationale vor. Der beste Mensch wär danach die perfekte Maschine. Kein Wunder, dass menschliches auf der Strecke bleibt. Nur der Sex bleibt- und das auch nur scheinbar frei- Ausdruck unserer Instinkte. Vermehren soll er sich ja noch, der Mensch, aber wenn wir es erst geschafft haben, ihn im Labor zu züchten, dann wird auch das Begehren hinfällig werden. Bis dahin aber sorgen wir dafür, dass sich die Frauen nicht wohl fühlen können in ihren Körpern und den Männern verboten wird, männlich zu sein. Begehren ja- aber alles in festgelegten, kontrollierten Rahmen unter dem täuschenden Deckmantel der Freiheit. 

Wir und jetzt meine ich das "wir" zudem ich als Teile eines Kollektiv unfreiwillig dazugehöre; wir definieren uns über unsere sogenannte Rationalität, ungeachtet dessen, dass wir auch sie nicht fassen/messen können. Die abstrusesten Ideologien wurden schon auf Berufung der Rationalität gegründet. Und wenn ich abstrus sage, dann weil ich sie abstrus finde, lediglich schein-intelligent....aber wie möchte ich meine Einschätzung belegen?

Bin ich- wenn ich gerecht sein möchte- dazu gezwungen Relativst zu sein?  Ich mag mich damit nicht abfinden.
Wenn jemand meint, ein dunkelhäutiger sei näher an einem Affen dran, als ein hellerer oder behauptet Frauen hätten eine geringere schöpferische Geisteskraft als Männer oder glaubt, die Verachtung des Fremden sei ein Menschenrecht, dann kann ich das nicht akzeptieren und werde die Argumentation in Frage stellen, aber ich habe keinen allgemein gültigen Maßstab, den ich anlegen kann, um dem anderen dann zu belegen, wie (un)intelligent/dumm seine Aussagen sind.

Warum bilden wir uns dann trotzdem so viel auf unsere Logik ein? Ich verstehe es nicht, vertraue dem ganz tief aus dem Bauch kommenden Gedanken mehr, als diesem nur im Kopf sitzenden Verstand, der nur so gut ist, wie derjenige ihn als Werkzeug zu benutzen versteht.

Anlass dieser Gedanken war ein Blog eines Menschen, der sich nicht grundlos Ariald (http://ariald.wordpress.com/2011/04/16/uber-die-geringere-schopferische-geisteskraft-der-frauen-warum-frauen-nicht-zum-genie-taugen/)
nennt, sich hinter der Anonymität des Webs versteckend. Aufmerksamkeit hat er  keine verdient. Ich benutze ihn nur dazu, die Dummheit, die sich hinter Intelligenz zu verstecken versucht, aufzuzeigen. Menschen, wie ihn habe ich unter Muslimen, Kommunisten, Christen,... getroffen. Ihr Stursinn ist bezeichnend, der von ihnen erhobene Wahrheitsanspruch ihrer Meinung absolut; um sich herum tragen sie eine Mauer, die alle anderen Gedanken/Möglichkeiten abprallen lässt, und aus der sie bei Bedarf Steine entnehmen, um damit nach anderen zu schmeißen.*2

Auffällig bei ihnen allen ist, dass sie sich allesamt darauf berufen, anders zu sein als die Masse mit anschließender Verachtung der Mehrheitsgesellschaft als manipuliert und dumm.
Sie nehmen diese leicht zustimmbare Aussage und schlussfolgern, dass sie allein deshalb, weil sie gegen den Strom schwimmen, zudem meist noch von der Gesellschaft  verachtet werden, schon Recht hätten. Was für ein Unfug!
Die Oppositionellen sind nicht automatisch die "Guten". Das Mittelmaß lässt ziemlich viel Raum nach oben und unten, um hervorzustehen.



*
Eigentlich könnte ich wir sagen, aber wie immer soll das Ich am Anfang des Satzes Ausdruck von Demut und keinesfalls der Egozentrik sein. Wissen kann ich gerade einmal, was ich brauche, und nicht einmal das, kann ich wissen

*2
Leider hilft es mir in diesen Momenten der persönlichen Betroffenheit nicht, zu wissen/zu glauben, dass diese eigentlich sehr schwache Menschen sind, deren Welt so dringend Halt bedarf und sie ihn sofort zusammen brechen würde, würden sie einmal aufhören sich selbst über ihre Ideologie zu definieren. 
Denn in diesen Momenten bin ich zu emotional betroffen, wo ich mir doch wünschen würde sachlich bleiben zu können. (Ich arbeite auch daran)

Samstag, 16. April 2011

Festzuhaltendes

Wie man unten sehen kann, hab ich noch so viel mit mir selbst zu tun, mit meinen persönlichen Verhaltensstörungen, dass jegliche Kreativität im Keim erstickt wird. Ja- nicht nur die Ratio leidet unter meiner Unreife, sobald ich einmal die bin, die begehrt. Aber genug davon. Ich arbeite daran.

Festhalten wollt ich einige Aussagen Alis, die ansonsten meiner Amnesie zum Opfer fallen und zu Unrecht zum Vergessen verurteilt sein würden.

Ali: "Mama, gibt es eine Rückblende?"
Ich: "Was meinst du denn genau damit?"
Ali: "Naja, das man in die Vergangenheit zurückgehen kann. Dann könnte man dort etwas ändern, wenn das ginge."
Ich: "So weit ich weiß, geht so etwas nicht"
Ali: "Aber warum gibt es denn das Wort, wenn es das gar nicht gibt?"
Ich: "Das finde ich eine sehr schlaue Frage. Das Wort kommt, glaube ich, aus Büchern und Filmen. Dort kann man nämlich eine Rückblende machen und in die Vergangenheit gehen. In unserem Leben geht so etwas wohl nicht, außer in deinen Gedanken. Dort kannst du zurückgehen..."
Ali:"Aber nichts ändern!" Ich nicke (und überlege, ob ich das nicht relativieren sollte, lasse es aber dann bleiben. Die Welt wird noch früh genug noch komplizierter).
Ali seufzt: Schade


Ich schneide nach Absprache Ali die Haare, die wie Unkraut wachsen mit der Haarschneidemaschine. Da ich ihm aus pädagogischen Gründen, in der Überzeugung, dass der Abstandhalter die eigentliche Arbeit tut, erlaube, anzufangen und er es dabei jedoch schafft, sich eine Stelle fast kahl zu rasieren, muss ich sie sehr kurz machen. Sehr kurz. Das ist an sich noch kein Problem, denn er hat eine sehr schöne Kopfform und es sieht in allen anderen Augen viel besser aus, als die Meerschweinchenfrisur von davor. Nur in den Augen des Trägers, ist er nun entsetzlich verstümmelt und bricht in Tränen aus. "Ich geh nicht wieder raus, bis es nachgewachsen ist!" Ich versuche zu trösten: "Das wird nicht gehen. Aber wenn es dich so stört, dann kannst du eine Mütze aufsetzen und du wirst sehen, deine Haare wachsen so schnell, in einer Woche sind sie wieder ein ganzes Stück gewachsen!"
Er schaut mich zynisch und voller Unglauben an: "Woher willst du denn das wissen? Seit wann kannst du in die Zukunft schauen?" Ich: "Das kann ich nicht, aber ich habe deine Haare schon zuvor wachsen sehen und kann es deshalb einschätzen."

Beide Geschichten erinnern mich, an Philosophie. Metaphysik und Logik. Die Sache mit der Zeit und induktive Schlüsse.

Gestern kam er aufgrund irgendeiner (für mich jedenfalls) Belanglosigkeit nach einiger Zeit (5min.) immer noch zutiefst beleidigt aus dem Bad, in dem er sich eingeschlossen hatte und sagte: "Ich war ne ganze halbe Stunde im Bad und habe versucht mit Gott zu sprechen."

Freitag, 15. April 2011

Mindestens ein Dialog

Es ist, verdammt nochmal, wie es ist; ich trau mich nicht, wenn es darauf ankommt, mir darauf ankommt, dann bin ich feige, so verdammt feige, dann suche ich lieber nach Gründen, es nicht zu tun, es nicht zu sagen, nicht zu schauen und suche doch, suche ihn und schaue weg. Weil ich feige bin. Lieber sag ich mir, du projizierst doch eh nur und es wird sich schon geben, alberne Schwärmereien, die vorüber gehen. Aber wie oft, sag ich leis, wie oft schon treff´ ich einen Menschen, der mich über die Maßen hinaus interessiert?
Nicht oft, gibt auch mein nüchterner Anteil zu, aber du sorgst schon dafür, dass es ein Interesse bleibt, gut gehütet in deinem Herzen, das so sehr will und doch so feige ist.
Ausgezeichnet analysiert, gebe ich verletzt zurück. Sag mir lieber, was ich machen soll!
Geh hin und sag, dass du ihn magst. Ist doch gar nichts dabei.
Eigentlich nicht, stimme ich ebenfalls zu.
Aber eigentlich ist ein gemeines Wort mit tausend Hintertürchen und viel Kleingedrucktem.
Eigentlich, finde ich überhaupt gar nichts dabei; ich, Predigerin der Offenheit.
Eigentlich würde ich einfach* hingehen, meine Augen blitzen frech, mein Mund grinst, als einziges und selten richtig erkanntes Anzeichen für Scham, und dann würde ich eigentlich sagen: Ich weiß nicht was es genau ist, aber ich fühle da etwas, etwas durchaus kontroverses, etwas oft auch unerwünschtes, etwas dunkles, fremdes, neues und doch wohlbekanntes....Und das wollte ich einfach* einmal sagen. Eigentlich. Uneigentlich senke ich die Augen und werde stumm.

Du weißt doch schon, was das bedeutet, deutet mein Kopf an, der die letzte Zeit erstmalig elementare Zugeständnisse gemacht hat und sich nun mit den frisch integrierten Persönlichkeitsanteilen abzufinden versucht, die er lange ebenso resolut zensierte wie negierte. Du wolltest es doch so, nun jammere nicht.  Damit ist das Thema für ihn erledigt, aber ich/mein Herz klage weiter, trotz dankbarer Anerkennung der neuen rationalen Toleranz meiner Bedürfnisse: Hilf mir. Du erkennst doch sonst alles so gut.
Nun gut, seufzt er,  in dem Falle vor allem erkennend, dass er so eh nicht zum Denken kommen wird und spricht Tonband-artig, nicht ohne jedoch einen Hauch ehrlichen Bemühens um überzeugende Beschwörung:
Urvertraue und vergesse deine alberne Angst. Es ist keine Schande jemanden zu mögen, völlig Qualität-Quantitätunabhängig, und auch ist es nur menschlich, sich in dessen Gegenwart zu schämen. Du bist nicht die erste und wirst auch nicht letzte sein! Was hast du zu verlieren? Im schlimmsten Fall wird er nur geschmeichelt sein. Und was hast du zu gewinnen, wenn du gehst, ohne zu zugeben, dass du eine Frau bist, die ab und zu begehrt. Ich werde dir ewig sagen, jeden Tag im Spiegel vorhalten, was für ein Feigling du bist, immer und immer wieder, und wenn du auch sonst mutig bist, in anderen Dingen, werde ich leise flüstern: Feigling, Feigling, Feigling, Feigling....

Na danke, jetzt hast du mir wunderbar geholfen, zicke ich: Das war Ironie, übrigens.

Bitte, bitte, gibt er zurück und klingt dabei so müde, wie Bernd aus der Sesamstraße, der nicht schlafen konnte, weil Ernie ihn mit hundert Fragen quälte.

Weißt du was, frag ich rhetorisch. Wenn ich so recht überlege, ist es mir doch nicht so wichtig, ich projiziere da wohl einfach nur etwas hinein, es geht gar nicht um ihn, ihn kenne ich doch gar nicht, es sind doch nur ein paar wenige Dinge, die mir gefallen, die ihn zum Opfer meiner Wünsche  machten. In Wirklichkeit ist er sicher ganz anders. Ich habe das alles etwas dramatisiert. Vergiss es einfach. Wir werden schon sehen, wenn ich ihm nicht mehr begegne oder vielmehr seine Begegnung nicht mehr erwarten kann, dann wird es sich schon geben. Vergiss einfach alles. Ich werde dich nicht mehr damit belästigen! Versprochen!!
Der letzte Rekord liegt bei 36,5 Stunden, erwidert trocken mein Kopf. Darauf habe ich dann nichts mehr zu sagen, kann schlecht einer solch unbestechlichen Instanz, die mit Hilfe der Erfahrung Recht gesprochen hat, widersprechen. 

* noch so ein Wort, das oft sogar das Gegenteil von dem bedeutet, was es sagt. In Kombination mit anschließendem "nur" bedeutet es für viele "unmöglich" oder zumindest "sehr, sehr schwierig" 

Montag, 11. April 2011

Der Zauber, der unter den Dingen liegt

Ich mag es sehr in das Gesicht von Menschen zu schauen, die einen Platz, den ich gut kenne, zum ersten mal sehen.
Erkennen tut man sie meist daran, dass sie einen Koffer oder Reiserucksack bei sich haben oder sich in einer Gruppe befinden. Natürlich gibt es auch welche Inkognito, die verraten sich dann nur durch den in alle Seiten wendenden Kopf.
Die anderen Menschen beschränken ihr Sehfeld meist auf den einen Quadratmeter, der sich direkt vor ihnen befindet, ihn dabei immer einen Schritt weiter schiebend.
Die Besucher aber, die sind neugierig und erinnern mich an Kinder. Sie sind oft schon ein wenig älter und das macht es umso berührender. Graue Haare und die Augen und den Mund von begeisterten Kindern, die meinen die Welt sei ein wunderbarer Ort, ist eine rührende, beruhigende Kombination. 
Sie schauen sich um und es sieht so aus, als würden sie etwas besonders wertvolles sehen, so als würden sie sagen:
Ich bin gerade an dem Platz, an dem ich schon so lange einmal sein wollte. Und jetzt bin ich wirklich hier!
Schau den Stuck da oben; Guck wie grün doch alles ist. Siehst du den kleinen Jungen den Abhang herabfahren mit seinem- ich glaube man nennt das- Laufrad? Und da auf dem Mittelstreifen, diese roten Tulpen, wie sie in der Sonne leuchten! Diese ganzen alten, herrlichen Bauten, wie sie verschmelzen, sich einfügen in die schnelle Stadt. 

Und ich bilde mir ein, dass sie glauben, die Menschen, die an diesem Ort wohnen, die wären besonders glückliche, weil sie jeden Tag in den Genuss dieser besonderen Atmosphäre kommen dürfen. So ging es mir jedenfalls auch auf meinen Reisen, ob nun in der Altstadt Damaskus, am Nilufer oder die Elbe entlang war. 
Immer dachte ich ganz selbstverständlich, dass der Zauber, der über mir als Entdeckerin lag, auch die Bewohner mit einschloss. 

In Wirklichkeit aber, ist es eine Kunst sich die Begeisterung in der Routine des Alltags zu erhalten;, im Bekannten immer wieder neues zu entdecken, weil man nicht aufgehört hat die Dinge mit der Neugierde eines Kindes und dazu aber der Erfahrenheit eines Erwachsenen, zu betrachten. Wer das kann, dem wird es niemals langweilig werden. 

Apropos: Dinge betrachten. Jeder, der mich kennt weiß, dass der Kampf gegen meinen Haushalt ein ganz besonders harter für mich ist. Gestern durfte ich wieder einmal erfahren, woran das, von meiner Unstrukturiertheit einmal abgesehen, liegt:
Ich habe aufgehört die Dinge in meiner Wohnung zu betrachten, nichts scheint mir unwichtiger als sie. Ich habe ihnen die Rolle der Störfaktoren zugeteilt und warte immer wieder auf jemanden (Kindheit?), der mich zwingt sich mich um sie kümmern. Da es den nicht (mehr) gibt warte ich meist, bis es so akut wird, dass ich es nicht mehr ignorieren kann.
Gestern aber begann ich- warum auch immer- die Dinge zu sehen. Ich sah die Heizung und den Staub und die Flecken, nahm einen Lappen und fing an die Heizung zu putzen. Ich tat nichts anderes, als die Heizung zu putzen. Und mit dem Lappen in der Hand, auf dem Boden hockend, begann ich die Holzleisten neben der Heizung zu sehen und die Unterschränke. Es gab in diesem Moment nichts anderes, nichts wichtigeres, als diese Dinge sauber zu machen. Es ist mir so fremd, aber ich genoss es wirklich, mich um diese mir profan erscheinenden Gegenstände zu kümmern.

Alles, was wir bewusst machen, bringt uns Zufriedenheit. Es ist (fast) immer unser inneres Empfinden der Ablehnung dessen, das wir als Pflicht betrachten und die Betrachtung der alltägliche Gegenwart nur als Störfaktor auf dem Weg in eine genussvolle Zukunft, die uns unzufrieden machen.
Wir gehen einen Weg oft nur, um ans Ziel zu kommen und der abgenutzte Satz "Der Weg ist das Ziel"* wird nur noch von unserer Ratio abgenickt, ist jedoch ansonsten ein vollkommen unverständlicher geworden.

Ich verspreche der Welt heute, dass ich sie sehe.

*Kommt auf der Liste der wahren, aber verbrauchten Sätze gleich nach "Carpe Diem"


Dienstag, 5. April 2011

Der Traum des Tschuangtse von Mascha Kaléko

„Betrachte ich die Sache recht, so findet sich kein einziges Merkmal, mit Hilfe dessen ich unzweifelhaft bestimmen könnte, ob ich wach bin oder träume. Die Gesichter des Traumes und die Erlebnisse meines Wachzustandes ähneln einander so sehr, daß sie mich verwirren und ich wirklich nicht weiß, ob ich im gegenwärtigen Augenblick nicht träume.“                                                                        
 Descartes


Ihm träumte einst, er wär ein Schmetterling,
Der flatternd durch den blauen Äther ging,
Berauscht von Duft und Morgenluft und Sonne.
Das Leben war die reinste Falterwonne!

Es fiel ihm nicht einmal im Traume ein,
Er könne jemals jemand anders sein.

Als er jedoch in seinem Bett erwachte,
War er durchaus kein Schmetterling und dachte:
Ich wüßte gar zu gern, wie sich das reimt!
-Wie, wenn von dem „Erwachen“ ich erwachte?

Dann lächelte er leise vor sich hin:
Wie weiß ich nun, ob ich der Tschuangtse bin
Oder nur „Tschuantse“, den der Falter träumt…?


 Mascha Kaléko: „In meinen Träumen läutet es Sturm“;
Dtv Originalausgabe S. 79

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