Ich habe bunte kleine Handschuhe auf den Wegen gesichtet und mich daran erinnert, dass es im Frühling graue, große waren. Deshalb habe ich folgende Theorie aufgestellt:
Die Kinder verlieren ihre Handschuhe im Herbst, weil sie sich gegen den Winter wehren wollen, weil sie nicht akzeptieren, dass es jetzt so kalt ist, dass sie welche tragen sollten. Und wir Erwachsenen verlieren unsere Handschuhe im Frühling, weil wir gelernt haben uns dem Herbst zu fügen, aber irgendwann den Winter nicht mehr länger ertragen können, ihn so satt haben, dass wir keinen Moment mehr diese Handschuhe tragen wollen.
Ich weiß, dass ist verrückt. Aber so fühl ich mich die Tage, irgenwie ver- rückt. Ich würde gerne etwas wirklich verrücktes tun, etwas ganz neues. Es scheint mir, dass kein Thema wirklich neu ist, als hätte ich das Theaterstück Leben schon unzählige Male in unzähligen Aufführungen gesehen. Erzählt mir was neues oder ich schlaf euch mitten in der Aufführung ein.
Als hätte ich was neues zu erzählen...und das ärgert mich, zu wissen, dass auch ich nichts neues zu erzählen habe. Alle Worte, Gedanken, Geschichten sind verbraucht, abgenutzt und unnütz und auch diese "Erkenntnis" ist genau das. Wir sind wie Schweine, die gerne von Perlen reden und dabei glauben, allein das Reden darüber schmückt uns schon mit ihnen, erhebt uns aus unserem Schlamm, verleiht uns weißgefederte Flügel...wie gut uns das steht, unser schweinchenrosa mit der weißen Perlenkette und den weißen Flügeln.
Ich will etwas ganz anderes finden und etwas ganz anderes, muss verrückt scheinen, muss anders sein, als das was ich kenne und was gepredigt wird. Der Verstand ist nützlich, um Formeln zu erstellen, um klug daher zu reden, um trocken-tote Daten auswendig zu lernen, aber er ist die Ratte und das Laufrad gleichzeitig und ein Narzisst obendrein.
Ich habe mich im Fitness Studio angemeldet, was nichts mit meinem Wunsch nach Verrücktem zu tun hat, oder vielleicht doch? Ich versuche erstmals beim Körper anzufangen und hoffe, dass meine Seele mithüpft.
Ich schrieb meinem unsichtbaren Freund, dass ich versuche pragmatischer zu werden und seine Antwort fand ich gut, weil er mich an die Liebe zur Authentizität erinnerte und meinte, dass mir Pragmatismus auf Dauer nicht gut stünde. Ich mag ehrliche Freunde, aber noch lieber wäre mir, wenn sie neben mir sitzen und mit mir Tee trinken würden...
Falls ich mich irgenwie lebensmüde anhöre, seid beruhigt, ich bin es nicht. Jedenfalls nicht in dem Sinne, als würde ich schon auf dem Fensterbrett des15. Stock stehen und gleich springen oder als hätte ich hundert bunte Tabletten unter meinem Bett versteckt.
Lebensmüde, in der Bedeutung "des Lebens müde" bin ich momentan schon, aber das soll vielleicht auch so sein, im Herbst, wo alles den Tod probt. Schaut euch die Bäume an. Wenn ich die Königin von Deutschland wäre und meine Leben lang in einem dunklen Keller eingesperrt gewesen, nach zwanzig Jahren (natürlich von einem edlen Prinzen) befreit worden, wäre, meinen ersten Sommer erfahren, die Schönheit der Bäume bestaunt und dann zum ersten Mal den Herbst erlebt, hätte, und was er den Bäumen antut, wie er sie kahl rupft und zu Gerippen entstellt, dann hätte ich anordnen lassen, alle Bäume sollen gefällt, weil tot, und auf dem ersten deutschen Baumfriedhof, begraben werden...Können wir alle froh sein, dass wir in einer Demokratie leben.